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Nach einer wahren Geschichte: Ein Hörbuch über die Wahrheit

Nach und nach fällt es der Autorin Delphine immer schwerer zu schreiben. Bis sie irgendwann nicht einmal mehr eine E-Mail verfassen kann. Nur ihre Freundin L. was von ihrem Geheimnis, ja, sie ist es sogar die Delphine deckt und ihre Texte verfasst, als jene nicht einmal mehr zwei Worte miteinander verbinden kann.

Nach einer wahren Geschichte vn Delphine De Vigan ist einer der besten Roman, die jemals geschrieben wurden und ein wunderbares Hörbuch, welches man lieben muss.

Delphine hat gerade ihren großen Roman veröffentlicht. Die Geschichte ihres Lebens, die sie schnell zu einer der meist gefeiertsten Autoren Frankreichs machst. Doch immer wieder muss sie sich die gleiche Frage anhören: Wie viel aus dem Roman, der auf wahren Begebenheiten basiert, entspricht wirklich der Wahrheit und was wurde hinzugefügt? Gleichsam stellt sie sich die Frage, was sie überhaupt noch als nächstes schreiben soll oder vielmehr schreiben kann, denn im Schatten dieses Romans wird jedes andere Buch keine Chance mehr haben.

Mitten in dieser Sinnkrise trifft sie auf einer Party die überaus beeindruckende L., die schnell zu einem festen Bestandteil von Delphines Leben wird, sie als Freundin unterstützt und ihr gleichzeitig immer wieder die Frage stellt, wann sie denn endlich ein neues Buch verfassen wird.

Es ist auch L., die als erstes bemerkt, dass Delphine nicht mehr schreiben kann und nahe zu in Panik verfällt, wenn sie nur einen Brief beantworten soll. Und somit übernimmt L. nach und nach das Schreiben für Delphine. Und obwohl Delphine ihrer neuen Freundin kaum dankbarer sein könnt, kann sie doch nicht das Gefühl abschütteln, dass mit L. irgendetwas nicht stimmt.

Phänomenaler Roman mit unglaublich guter Erzählstimme

Mit Nach einer wahren Geschichte ist Delphine de Vigan ein wahres Meisterwerk gelungen, welches sich mit zwei großen Fragen der Literatur auseinandersetzt. Zum einen thematisiert der Roman den Roman als solches. Er fragt danach was ein Roman leisten kann, was er über einen Autoren aussagt und vor allem wie viel Wahrheit ein Roman enthalten kann. Selbst bei einem autobiographischen Roman schwingt immer die Perspektive des Autors mit und wird uns niemals ein objektives oder wahres Bild liefern können.

Zum anderen fragt Nach einer wahren Geschichte was überhaupt „wahr“ ist. Wann wird etwas zur Wahrheit oder Wirklichkeit? Wenn genug Menschen an etwas glauben, wird es dann wahr? Und wenn dieses Wahre von einem Autor festgehalten wird, entspricht es dann immer noch der Wahrheit oder wird es lediglich zu einer Geschichte, wie jede andere?

„Selbst wenn es geschehen ist, selbst wenn etwas geschehen ist, was dem gleicht, selbst wenn etwas nachprüfbare Fakten sind, bleibt es immer noch eine Geschichte, die man sich erzählt. Wir spielen uns gegenseitig etwas vor. Und im Grunde ist vielleicht das das Entscheidende.“
– Nach einer wahren Geschichte – Delphine de Vigan

Diese Frage nach der Wahrheit ist es, die die Protagonisten immer wieder in Gesprächen thematisieren. Auch sorgen sie dafür, dass Delphine jene Filme und Bücher, die sie sieht und liest, immer kritischer hinterfragt, denn viel zu viele basieren auf wahren Begebenheiten, ohne dass sie kennzeichnen würden, wo die Fantasie aufhört und die Wahrheit beginnt.

Und so ist es auch sie, die Erzählstimme des Romans – und somit des ungekürzten Hörbuchs –, die uns immer wieder darauf hinweist, dass das, was wir gerade lesen, nur ein Roman ist. Eine Geschichte, die zwar für sich beansprucht Nach einer wahren Geschichte entstanden zu sein und dennoch nur ein Roman ist. Dieser unzuverlässige Erzähler, der uns permanent eine Geschichte als autobiographisch verkaufen möchte nur um dann wieder zu sagen, dass wir ihm auf keinen Fall trauen dürfen, ist es, die diesen Roman zu einem der besten macht, den ich jemals gelesen habe.

Eine Stimme zum verlieben, eine Stimme, der man nicht trauen darf

In der ungekürzten Hörbuchfassung von Randomhouse Audio verleiht die Schauspielerin Martina Gedeck (Nachtzug nach Lissabon, Das Tagebuch der Anne Frank) Delphine ihre Stimme. Ihre sanfte, melancholisch und gleichzeitig kräftige Stimme, lässt direkt das Bild einer fröhlichen Französin entstehen, die durch die Straßen von Paris streift, mit ihren Freunden philosophiert und sich ihrer Macht als Frau durchaus bewusst ist.

Sie entführt den Zuhörer in ihre eigene Welt und dort bleibt ihm nichts anderes übrig, als gebannt an ihren Lippen zu hängen und jedem ihrer Wörter zu lauschen, bis sie ihre Erzählung beendet hat. Dabei bin ich sehr, sehr froh, dass sich der Verlag gegen eine gekürzte Fassung entschieden hat, denn Nach einer wahren Geschichte ist ein Roman, der von jedem noch so winzigen Detail lebt. Eine Geschichte über eine beiläufige Geschichte über einen Fantasiefreund kann schnell dafür sorgen, dass man das komplette Geschehen der Geschichte in Frage stellt. Und dieser eine Nebensatz, der viele Seiten später noch einmal aufgegriffen wird, bekommt plötzlich eine vollkommen neue Bedeutung, wenn man ihn in einem anderen Zusammenhang liest. Und genau diese Überraschungen, die der Roman beinhaltet, werden von Gedecke mal nachdenklich, mal voller Überzeugung nicht nur vorgelesen, sondern mit Leben versehen. Und immer ist es ihr leicht schelmischer Unterton, der uns fragt: „Ist dies alles wahr?“

Nach einer wahren Geschichte | Randomhouse Audio | Hörbuch | 9h 37min | 2016 | Bei Amazon kaufen


Dieses Hörbuch wurde mir von Randomhouse zur Verfügung gestellt. Es hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Das Buch der Wunder: Es gibt keinen Traum, nur unterschiedliche Frequenzen [Buchrezension]

„Es gibt keine Fantasie.
Es gibt keinen Traum.
Alles, was gedacht oder geträumt werden kann, existiert. Nur auf anderen Frequenzen. Du allein bestimmst was aus dem Nebel der Möglichkeiten wirklich auftaucht. […] Es gibt keine Grenzen.“
– Stefan Beuse – Das Buch der Wunder

Der neue Roman von Stefan Beuse Das Buch der Wunder.

Tom und Penny sind die wohl unterschiedlichsten Geschwister, die man sich vorstellen kann. Tom liebt die Wissenschaft und alles, was man durch sie erklären kann. Und in seinen Augen kann man alles durch Wissenschaft erklären. Penny hingegen hofft nicht nur auf Wundern, nein, sie ist überzeugt davon, dass sie sie selbst vollbringen kann. Doch während Tom an seiner Meinung festhält, wirft ihn das von Penny geschriebene Buch der Wunder vollkommen aus der Bahn. Kann das, was sie aufgeschrieben hat, wirklich der Wahrheit entsprechen?

Jahre später ist Tom bei einer Agentur angestellt und ist sich sicher, dass alles, was er als Kind erlebt hat, einem Fiebertraum zuzuschreiben sein muss. Denn das was er gesehen hat, kann niemals der Wirklichkeit entstammen. Auch nicht jener, die Penny für ihn beschrieben hat…

Feinfühlig geschriebener Roman auf der Suche nach der Wirklichkeit

Der Autor und Journalist Stefan Beuse befasst sich in seinem achten Roman hauptsächlich mit der Frage danach was Wirklichkeit eigentlich ist. Kann sie für jeden Menschen gleich sein und wenn nicht, welche Form der Realität entspricht dann der Wahrheit? In philosophischen Gespräche, die als harmloser Dialog zweier Kinder beginnt, versucht Penny ihrem Bruder immer wieder zu beweisen, dass es Wunder gibt, während er mit Hilfe von Wissenschaft Gegenargumente zu finden sucht.

Fein granuliert versucht er nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch den Leser mit un erklärlichen Vorfällen zu konfrontieren nur um danach zu fragen: Und wo ist deine Wissenschaft jetzt?

„Und irgendwann hatte es eine Version der Geschichte gegeben, mit der sie zufrieden war. Das sei jetzt die Wahrheit, hatte sie gesagt, und die Wahrheit dürfe nicht verändert werden.“

Besonders faszinierend hierbei ist die Veränderung die Tom im Laufe des Romans erlebt. Er reift vom Kind zum Jugendlichen zum Erwachsenen heran. Durch Schicksalsschläge und Veränderungen entwickelt er sich weiter und gleichzeitig behält er immer Pennys Fragen im Hinterkopf und mit ihnen die alles umspannende Gewissheit, dass nichts, was im Buch der Wunder steht wahr sein kann und dennoch wahr sein muss. Schließlich hat er den Spiegelsee gesehen. Oder etwa nicht?

Wunderbar!

Der in vier Teile, vier Lebensabschnitte, vier Erkenntnisphasen gegliederte Roman Das Buch der Wunder ist eines der spannendes Werke des Jahres. Mal beschreibt er trocken humorvoll die Vorgänge in einer Werbeagentur – so nah an der Realität, dass viele die Beschreibung für vollkommen übertrieben hinnehmen werden –, dann wird das Innenleben zweier Kinder untersucht, die mit dem plötzlichen Verschwinden ihres Vaters überfordert sind. Immer ist es die gleiche Reflektierende Stimme, die die Handlung voran treibt und die Ereignisse und Vorhersagen miteinander verwebt, bis nicht mehr klar ist ob es sich um ein von langer Hand geplantes Geschehen oder eine zufällige Übereinstimmung handelt.

Wirklich sehr wunderbar ist auch die Gestaltung des Romans, welches den Omnipräsenten Dschungel auch auf dem Umschlag des Romans weiterleben lässt. Wer wirklich etwas finden möchte, was man an diesem Buch bemängeln kann, dann wohl nur, dass das Coverdesign, welches um den Umschlag herumläuft, durch einen sonderbaren blauen Buchrücken unterbrochen wird. Wenn man den unbedingt etwas bemängeln muss.

Das Buch der Wunder | Stefan Beuse | Mairisch Verlag | 2017 | 222 Seiten | Bei Amazon kaufen


Vielen Dank an den Mairisch Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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Bücher auf die wir uns 2017 freuen können [SaSo]

Für den Sammlungssonntag habe ich relativ lange keinen Blick mehr auf Bücher geworfen. Heute soll es um Buchneuerscheinungen gehen, auf die ich mich 2017 besonders freue.

2017 bringt neue Bände der pelican Shakespeare Edition, den vierten Band der Magisteriums Reihe und das finale Buch von To all the boys I loved before.

Buchcover: Amazon.de

Um ehrlich zu sein ist dies nur ein sehr, sehr, sehr kleiner Ausschnitt der Bücher auf die ich mich freue und eigentlich deckt die Liste vor allem Bücher ab, die bis Mai erscheinen. Es gibt einfach viel zu viele Bücher, die jedes Jahr herauskommen, als dass ich mich sinnvoll limitieren könnte. Aber nun gut dies sind meine sechs „Favoriten“:

Wires and Nerve

Im letzten jahr bin ich so ziemlich jedem Menschen mit meiner Obsession der Luna Chroniken auf die Nerven gegangen. Glücklicherweise kann ich diese mit Wires and Nerve nun auch ins Jahr 2017 retten. Wires and Nerve ist eine Graphic Novel, die gemeinsam mit Zeichner Douglas Holgate entstanden ist und von den Abenteuern des Roboters Iko berichtet. Die Geschichte ist dabei so angelegt, dass man sie als Fortsetzung der Luna Chroniken lesen kann, diese jedoch nicht gelesen haben muss um die Geschichte zu verstehen.

Die Englische Fassung ist bereits im Januar erschienen und kann bei Amazon gekauft werden. Eine Deutsche Fassung ist noch nicht angekündigt worden.

The Last of August

Band zwei der Charlotte Holmes-Reihe – The last of August – folgt den Holmes- und Watson-Nachfahren – Charlotte Holmes und Jamie Watson – nach Berlin wo sie gleichzeitig versuchen einen Kunstfälschungsring zu enttarnen und Charlottes Onkel wiederzufinden. Der zweite von drei Bänden ist im Februar erschienen und ist unglaublich spannend. Ein muss für alle Sherlock Holmes-Fans.

The last of August bei Amazon kaufen

As you like it / Pelican Edition Neuauflage

Die wirklich schönen neuen Ausgaben der Shakespeare Pelican Edition haben uns letztes Jahr schon einige von Shakespeares Klassikern – darunter Romeo & Julia und Hamlet – beschert. Dieses Jahr bringt Penguin Books einige der Komödien und Historien-Dramen neu heraus. Besonders freue ich mich hierbei auf As you like it, welches im Juni erscheinen wird.

As you like it bei Amazon vorbestellen

Magonia

Magonia rund um das kranke Mädchen, welches plötzlich in der Fremde Abenteuer erlebt, steht schon seit letztem Jahr auf meiner Leseliste. Anfang April erscheint nun endlich auch die deutsche Ausgabe dieser viel gelobten Fantasyreihe.

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Magisterium – Band 4

Leider, leider gibt es bisher noch keine Angabe wann die deutsche Fassung des vierten Bandes der Magisteriums-Reihe erscheinen wird. Wohl aber wird die englische Fassung spätestens im Herbst 2017 erscheinen. Zu meiner großen Freude, denn ich kann es kaum erwarten zu erfahren wie die Geschichte um den Zauberlehrling Call und seine Freuden weitergeht.

Band vier von Magisterium vorbestellen

Always and forever Lara Jean

Ein wenig peinlich ist es mir ja schon, dass die Liebesgeschichte rund um Lara Jean es auf meine Vorfreudenliste geschafft hat. Der dritte und letzte Teil der Reihe um die Highschool-Schülerin Lara Jean, deren Leben aus den Fugen gerät nachdem ihre heimlichen Liebesbriefe verschickt werden, ist in der englischen Ausgabe für Mai 2017 angekündigt.

Always and forever Lara Jean vorbestellen

Ich freue mich darüber hinaus auch noch zusätzlich auf so ziemlich jedes Buch, welches 2017 im Mairisch-Verlag erscheint, hoffentlich eine Taschenbuchversion der Murakami Autobiografie, hoffentlich eine Buchfassung des zweiten Phantastische Tierwesen-Films und das gerade erst erschienene 100 Manga Artists aus dem Taschen Verlag.

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Moonatics: Wir haben die Erde zerstört, lasst uns auf dem Mond weiterfeiern [Buchrezension]

Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn wir weiter so leben wie wir heute leben? Was wird aus der globalen Erwärmung werden? Wie werden sich Techniken wie Alexa weiterentwickeln? Was wird aus der Menschheit? All diese Fragen versucht Arne Ahlert in seinem ersten Roman Moonatics zu beantworten.

Wie sieht unsere Zukunft aus? Moonatics von Ahlert versucht eine mögliche Zukunft der Erde zu beschreiben. Im Gewand eines Reiseromans.

Wir schreiben das Jahre 2043. Darian ist 42, kommt aus London und fühlt sich, wie fast jeder Mensch seiner Generation – den Millennials – irgendwie verloren. Seit der Veränderung des Golfstroms ist es in Europa schrecklich kalt und um dieser Kälte zu entgehen tut er, was fast jeder Mensch tut, er reist um die Welt, arbeitet als freiberuflicher Webseitenentwickler und fühlt sich nirgendwo richtig zu Hause. Seine Hippie-Mutter, die nach Indien ausgewandert ist und sein abwesender Vater, dessen Namen Darian noch nicht einmal kennt, sind dabei keine wirkliche Hilfe.

Bis er eines Tages einen Brief von seinem Vater erhält oder vielmehr von seinem Anwalt, der Darians Leben auf einen Schlag verändert, denn plötzlich ist er reich. So reich, dass er sich eine Reise zum ultimativen Urlaubsziel leisten kann: Levania. Das Hotel auf dem Mond, in welches sich die reichen und berühmten zurückziehen. Das Hotel am Ende des Mondes, in dem man, wenn man es sich leisten kann, in aller Ruhe Ausflüge über den Mond unternehmen kann ohne von den Chinesen gestört zu werden.

Drei Wochen lang soll dies Darians Wahlheimat sein, bevor es zurück zu Erde geht. Doch Levania, welches immer eine große Party zu sein scheint, die von Industriemagnaten, Ex-Terroristen und den sogenannten Monnatics gleichermaßen besucht wird, übt eine immer größere Wirkung auf ihn aus. Und dann ist da noch die Sache mit der Steuerfahndung, die Darian die Entscheidung – auf dem Mond bleiben oder zur Erde zurückkehren – sehr viel einfacher zu machen scheint.

Konzeptbuch ohne wirkliche Handlung: PARTY!

Was soll ich sagen, was Moonatics wirklich gut kann und es im Vergleich zu vielen Sci-Fi-Büchern wirklich hervorhebt ist die Detailversessenheit von Ahlert. Er beschreibt eine potenzielle Zukunft, die sich im Angesicht unserer Gegenwart gar nicht so falsch anfühlt. Apple bietet seinen Anhängern mittlerweile auf der ganzen Erde gleich aussehende Zimmer, die nach einem Netflix-Model es dem jeweiligen Abonnenten ermöglichen überall auf der Erde zu wohnen. Die Google-Glasses haben sich durchgesetzt, dafür aber eine Kontaktlinse, die Informationen aus dem Internet heraussuchen kann. China ist die wichtigste Weltmacht und Roboter haben sich so weit weiterentwickelt, dass man von wirklicher künstlicher Intelligenz sprechen kann.

Besonders die Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt und mögliche Folgen – Klimaerwärmung, verseuchte Meere, Müllberge und so weiter – wurden von Ahlert sorgfältig recherchiert und in seine Handlung eingebunden. Oder viel mehr in das sogenannte setting, denn nichtsdestotrotz muss man sich fragen ob dieses Buch eine wirkliche Handlung besitzt.

Auf beinahe 600 Seiten lässt Ahlert seinen Protagonisten von einer krassen Party zur nächsten eilen. Immer mit dabei: pseudo-philosophische Diskussionen, viel zu viel Alkohol, Gras und die über alles schwebende Gefahr, dass irgendein Trottel vollkommen high ohne Raumanzug durch die Luftschleuse auf den Mond rennt. Was dann im Laufe des Buches ein paar Mal passiert und von den wirklich sehr abgestumpften Figuren hingenommen wird. „The show musst go on.“, oder viel mehr die Party, denn wenn man schon weiß, dass der Menschheit nur noch ein paar gute Jahre bevorstehen werden, warum sollte man sich dann um das Problem kümmern, wenn man auch stattdessen feiern könnte, als gäbe es kein Morgen mehr?

Bittere Aussichten für die Menschheit

Ahlerts Version einer Mond-Hippie-Kommune ist alles andere als berauschend. Die Zukunft die er zeigt besteht nicht nur aus faszinierenden Fragen danach, wie sich unsere Technik weiterentwickelt und mit ihr der Mensch, es besteht vor allem darin aufzuzeigen, dass jeder Mensch der Generation-Y und der Millenials als Erwachsene keinerlei Verantwortungsbewusstsein entwickelt haben. Stattdessen stehen Party, Party und noch mal Partys an erster Stelle.

Klar ab und an geht es darum ob man nicht ein neues Paradies auf dem Mond erschaffen könnte, alles in allem bleibt Ahlerts Roman jedoch flach und langweilig. Nachdem das setting über beinahe 200 Seiten aufgebaut wurde, erwartet man, dass nun endlich eine Handlung beginnen wird. Und nein, dabei reicht es nicht Darian auf eine neue Party zu schicken oder einen Golfplatz auf dem Mond zu konstruieren, sondern eine wirkliche Handlung, bei der Dinge geschehen oder zumindest bedeutungsschwangere Diskussionen geführt werden.

Stattdessen läuft der Roman auf ein fast schon absurdes, tarantinoartiges Ende zu, bei dem sich die Ereignisse plötzlich überstürzen, parallele Welten auftauchen und irgendwie Mord zur Abendunterhaltung wird.

Moonatics | Arne Ahlert | Sci-Fi | 2016 | Heyne | Bei Amazon bestellen


Moonatics wurde mir vom Heyne-Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst

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Ein Meer aus Tinte und Gold: Wo Schrift zu Magie wird [Buchrezension]

Stell dir vor, du lebst in einer Welt ohne Bücher. Geschichten können nur Jahrhunderte überdauern, wenn sie weitererzählt werden und wessen Leben keine spannende Geschichte beinhaltet, der gerät in Vergessenheit. Genau in dieser Welt lebt Sefia, doch sie hat ein Geheimnis. Das seltsame rechteckige Ding, was sie mit sich herumträgt, und welches nicht nur für den Tod ihrer Eltern verantwortlich ist, sondern ihre komplette Welt verändern könnte.

Ein Meer aus Tinte und Gold: Jugendbuch von Traci Chee über eine magische Welt ohne Bücher und eine Leserin mit einem magischen Buch.

Ein Meer aus Tinte und Gold ist der erste Band der Das Buch von Kelanna-Reihe, oder wie sie im Englischen heißt The Reader. In ihr Debüroman erdenkt Traci Chee eine Welt in der die weite Öffentlichkeit ohne Buchstaben und Wörter auskommen muss, während eine geheime Gesellschaft der Lesenden Schrift nicht nur verwenden könne um Geschichten niederzuschreiben, sondern mit ihr Magie bewirken kann.

Sefia hingegen weiß nichts von dieser Gesellschaft oder was es mit dem Buch, welches sie unter allen Umständen schützen soll auf sich hat. Ihre Eltern haben ihr zwar heimlich das Lesen beigebracht, doch seit sie vor einigen Jahren ermordet wurden, ist sie selbst auf der Flucht, ohne dass sie jemals erfahren hat wovor. Nur ihre Tante Nin steht ihr zur Seite, bis sie von unheimlichen Gestalten entführt wird und Sefia mit ihren 15 Jahren plötzlich auf sich alleine gestellt ist. Zumindest bis sie auf Archer, den stummen Jäger trift.

Gleichzeitig ist dies aber auch das Buch von Lon, der von seinen Eltern zurückgelassen wurde und nun zum Leser ausgebildet wird. Den Lesen bedeutet nicht die seltsamen Zeichen zu entziffern, sondern die Wörter zu verstehen und ihre Magie für sich selbst nutzbar zu machen.

Ein Liebesbrief an Bücher

Vor allem anderen ist Ein Meer aus Tinte und Gold jedoch ein Liebesbrief an Bücher und das Lesen selbst. Es spielt mit Worten, Formatierungen und dem Wechsel verschiedener Perspektiven. Überall verstecken sich kleine Rätsel im Buch. Buchstaben sind plötzlich gefettet oder es finden sich geheime Wörter, die über mehrere Seiten hinweg einen Text entstehen lassen.

Auch sind einige der Seiten so angefertigt worden, dass sie wirken als würden sie aus einem anderen, älteren Buch stammen. Oder die Protagonistin versucht Erinnerungen zu vergessen, so dass plötzlich Textpassagen geschwärzt werden und somit verschwinden.

Abgesehen von den Formatierungen, fragt Ein Meer aus Tinte und Gold immer wieder was für eine Bedeutung Bücher haben. Wozu sind sie da? Welche Auswirkungen haben sie auf eine Gesellschaft?

Wörter als Magie

Zeichen und Wörter mit Magie gleichzusetzen taucht mittlerweile in recht vielen Büchern auf. Eines der prominentesten Beispiele der jüngsten Jahre ist sicherlich Rainbow Rowells Carry On. Auch ein Buch im Buch, welches mit Formatierungen spielt ist vor kurzem mit S. von J.J. Abrams (ja, der Regisseur) erschienen. Auf dieser Ebene kann man Chee sicherlich vorwerfen, dass sie mit relativ bekannten Mitteln an das Thema herangeht.

Dennoch erfolgt ihre Umsetzung auf höchst beachtliche Art und Weise. Eigentlich müsste man das Buch nachdem man es ausgelesen hat, direkt wieder von vorne anfangen um alle Referenzen, die das Buch auf sich selbst setzt, zu verstehen. Auch die Welt von Sefia wirkt klug durchdacht und funktioniert anders als Beispielsweise Bradbury’s Welt in Fahrenheit 451 nicht nach der Prämisse der Auslöschung von Büchern, sondern einer in der nie die Schrift entwickelt wurde. Geschichten können in Bildern dargestellt werden oder in gesprochenen Wörtern. Es ist keine Dystopie die aufgezeigt wird und keine rein magische Welt, die wir betreten. Vielmehr entführt Chee den Leser in eine Welt in der eine neue Wertschöpfung für Bücher als gebundenes Werk in einer digitalen Welt entsteht. Es geh darum das Buch als solches zu feiern und nicht nur als zwingendes Medium für eine Geschichte zu präsentieren.

Zudem verbindet sie dies mit einer wirklich sehr gelungene Geschichte, die Lust auf mehr macht und den Leser mit der Frage zurücklässt: Wann erscheint endlich Band 2?

Ein Meer aus Tinte und Gold | Traci Chee | Carlsen Verlag | 496 Seiten | Bei Amazon kaufen


Ein Meer aus Tinte und Gold wurde mir von Carlsen zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung in keinster Weise beeinflusst.

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Blood & Ink: Die Bücher von Timbuktu [Buchrezension]

In einer Zeit, die geprägt ist von Furcht vor dem Islam, versucht Stephen Davies in seinem Jugendbuch Blood & Ink Motive bon Attentätern und Besetzern, den arabischen Frühling und dessen Konsequenzen und die wirkliche Ausrichtung des Islam für Kinder und Jugendliche aufzubereiten.

Blood & Ink: Die Bücher von Timbuktu

Der Roman Blood & Ink erzählt die Geschichten von Kadija und Ali, die sich 2012 zufällig, sich als Gegner gegenüberstehen und versuchen die Beweggründe des jeweiligen anderen zu verstehen. Kadija ist dabei ein fünfzehnjähriges Mädchen, welches mit seiner Familie in Timbuktu lebt und auf einen Teil der wertvollen Handschriftsammlung aufpasst, die über tausende von Jahren überliefert wurden.

Der sechszehnjährige Ali wiederum ist Mitglied der Dschihadisten, die Timbuktu innerhalb kürzester Zeit einnehmen und alles zerstören wollen, was ihrer Meinung nach nicht Teil des wahren Glaubens ist. Dazu gehört das zerstören der Nachtclubs, das Verbot Musik zu hören oder als Frau unverschleiert umherzulaufen. Und natürlich sind auch die bösartigen Handschriften etwas, dass die Verteidiger des Glaubens keinesfalls innerhalb der Stadtmauern dulden können.

Doch so schwarz-weiß, wie die Motive der einzelnen Beteiligten zu Beginn wirken, sind sie gar nicht. Für Ali ist der Kampf gegen den falschen Glauben tatsächlich eine Herzensangelegenheit und gleichsam eine Möglichkeit seiner verarmten Familie eine bessere Zukunft zu bieten. Zudem muss er schnell feststellen, dass seine Vorstellungen wie man den islamischen Glauben weiter verbreiten und reformieren kann, weit von dem entfern, was die Dschihadisten vorhaben, die am liebsten alle Ungläubigen mit Gewalt und wenn es sein muss auch dem Tod bestrafen wollen.

Die Einzelheiten der Invasion habe ich erfunden und dabei die Hauptregel des Romanschreibens verwendet: Im Zweifelsfall Ninja hinzufügen.

Die Geschichte von Davies basiert hierbei lose auf wahre Begebenheiten. Timbuktu wurde 2012 tatsächlich eingenommen und es gab viele Verbote, die mit großer Gewalt durchgesetzt wurden. Auch die Handschriften, die eine äußerst wichtige Bedeutung für die Stadt innehaben, gibt es wirklich und sie wurden unter großen Mühen beschützt.

Doch nicht nur setzt er auf realen Ereignissen auf, er versucht auch zu erklären welche Motive die beiden Seiten haben. Weshalb melden sich junge Menschen freiwillig für einen Glaubenskrieg, ist nur eine der Fragen, die er zu antworten versucht. Vor allem versucht er zu zeigen, dass der Islam als solches eine Religion wie jede andere ist, der selbst von Fanatikern ebenso bedroht wird, wie jede andere Kultur der Welt.

Hierbei konzentriert er sich in klaren Worte darauf zu zeigen wie die Bevölkerung unter den Regeln leidet und mit welchen Mitteln Dschihadisten gegen Anhänger ihrer eigenen Religion vorgehen. fast möchte man meinen, dass jene „ungläubige“-Muslime noch mehr hassen, als alle Anhänger anderer Religionen. So schafft es Davies noch einmal darauf hinzuweisen, dass wir im Kampf gegen Fanatiker und deren Terror alle auf der selben Seite stehen, egal welcher Religion wir angehören und gerade viele Muslime sehr viel mehr unter Dschihadiste zu leiden hatten als Christen und Juden.

Besonders beeindruckend wird seine Leistung dadurch, dass er diese Tatsachen für Kinder und Jugendliche zusammenträgt und sie vereinfacht, ohne die Komplexität der Problematik zu untermauern. Ein fantastischer Roman, der perfekt in unsere Zeit passt und der für mehr Frieden unter den Menschen wirbt.

Blood & Ink | Stephen Davies | Aladin Verlag | 2016 | 288 Seiten | Bei Amazon kaufen


Blood & Ink wurde mir freundlicher Weise vom Aladin Verlag (Carlsen) zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung über diesen Roman nicht beeinflusst.

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London: Ein Uralte Metropole Roman [Rezension]

Einmal abgesehen vom Inhalt des Romans, um den es natürlich später noch gehen wird, ist London von Christoph Marzi ein fantastisches Beispiel dafür wie wichtig ein gutes Cover, ein ausgeklügelter Klappentext und das restliche Layout eines Romans sind. Denn erst nachdem ich mit dem Lesen des Romans begonnen hatte, fiel mir auf, dass er scheinbar ein Teil einer Reihe sein müsste. Dabei weißt weder der Klappentext, noch eine Auflistung innerhalb des Buches darauf hin. Es gibt keine Liste von „weiteren Büchern“ des Autors, wie man sie für gewöhnlich vorne in Büchern findet, wenn es sich um eine Reihe handelt, oder einen Klappentext, der Sätze wie „Das Ende einer Saga“ enthält.

Die Hinweise „Der Autor von Lycidas“, oberhalb des Autorennamen auf dem Cover kann lediglich darauf verweisen, dass es sich hierbei um einen weiteren Roman Marzis handelt und auch „Ein Uralte Metropolen Roman“ schreit nicht unbedingt „Ich bin ein Teil einer Reihe“, zumal heutzutage viele Bücher einen Zusatz unter dem Titel besitzen und dieser Roman eben – wie der Klappentext zusammenfasst – in den Uralten Metropolen spielt.

Christophs Marzis neuer Roman über die Uralte Metropole, die sich unter den Straßen Londons erstreckt.

Natürlich, ich hätte vorher recherchieren können wer der Autor ist, was er vorher geschrieben hat und ob dieses Werk ein Teil einer Reihe sein könnte. Doch wer tut dies, wenn man ein Buch in einer Buchhandlung sieht. Zum Glück für Heyne lässt sich dieses Buch auch als eigenständiger Fantasie-Roman lesen, dessen Vorgängerbücher somit eine Art Prequel darstellen können.

Alles auf Anfang: London ist verschwunden!

Emily Lainge wartet in Cambridge auf einen Zug nach London, der niemals erscheint. Wie sie bald feststellen muss ist sie die einzige Person, die sich an die Stadt London erinnert, während alle anderen Menschen zu glauben scheinen, dass Oxford die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs ist. Einzig die beiden seltsamen alten Damen, die plötzlich vor Emily auftauchen scheinen ihr zu glauben, doch bevor sie die beiden weiter befragen kann, wird sie von ihnen betäubt und wacht plötzlich in einer Londoner U-Bahn-Station auf.

Wittgenstein, ein Alchemist und Emilys Mentor, widmet sich, als die vollkommen verwirrte Emily in sein Haus stürmt, gerade einem viel wichtigeren Problem, denn so wie es aussieht scheint sich London nach und nach aufzulösen. Ganze Stadtteile scheinen zu verschwinden und in den restlichen kommt es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Bevölkerung, die bereits erste Tode mit sich gezogen haben.

Um zu klären ob es einen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen gibt müssen Emily und Wittgenstein weit hinab in die Tiefen von Londons Untergrund steigen. Dorthin wo sich die Uralte Metropole mit ihren geheimen Geschäften, Häusern und Wesen verbirgt.

Reihe oder Roman: Emily ist erwachsen geworden

Marzis fünfter Roman der Uralten Metropolen-Reihe liest sich wie eine sehr gut durchdachte Fantasiegeschichte. Die Uralte Metropole, ihre Bewohner und ihre Dynamik ergeben ein sehr gutes Gesamtbild. Die Figuren werden jeweils eingeführt, ihre Fähigkeiten, ihre Vergangenheit und ihre Beziehungen erklärt, bevor sie sich richtig ins Abenteuer stürzen.

Dies ist nicht nur für diejenigen wichtig, die den Roman als Einzelwerk lesen, sondern auch jene, die die Reihe gelesen haben. Schließlich liegen zwischen dem Erscheinen von Somnia, dem Vorgängerwerk von London, und dem fünften Roman acht Jahre. Eine Zeit in der Leser sich durchaus an einige Details nicht mehr erinnern können und die Auffrischung durchaus gerne hinnehmen. Außerdem hat sich die Protagonistin weiterentwickelt. Sie ist erwachsen und unabhängig geworden. Das kleine Mädchen, was einst gerettet werden musst, kann sich nun selber retten und beschützen.

Und mit ihr ist auch der Erzählstil gereift. Erzählt wird keinesfalls eine fantastische Geschichte für Kinder, sondern ein ausgeklügelter Fantasieroman indem es um Macht und Politik, Verschwörungen und dunkele Machenschaften geht. Trotz aller Politik und Realität streut Marzi dennoch genug fantastisches in seine Geschichte ein nicht ganz echte Welt zu erschaffen. Eine Welt, die gerade nur wegen der Existenz der Uralten Metropolen existieren kann. Eine Welt in der sich Elfen in Bibliotheken arbeiten und magische Fähigkeiten dort schlummern, wo man sie nicht erwartet.

Kurzum handelt es sich bei London um einen wirklich spannenden Roman, der als Einzelwerk oder Teil einer Reihe gelesen werden kann – so wie er eigentlich erdacht wurde. Die Handlung ist spannend und wortgewand erzählt und zieht den Leser direkt in die Geschichte aus der man gar nicht mehr auftauchen möchte. Bravo, Marzi zeigt, dass Deutsche Fanatsie-Romane nicht kitschig sein müssen, sondern klug und postmodern erzählt werden können.

London | Christoph Marzi | 704 Seiten | Fantasie | 2016 | Heyne | Bei Amazon kaufen

Andere Romane der Reihe:
Lycidas
Lilith
Lumen
Somnia


London wurde mir vom Heyne Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.