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Der Riss: Was wenn dein Leben nie wieder deines ist? [Rezension]

Der Universitätsprofessor Ogi verliert bei einem Verkehrsunfall nicht nur sein Frau, sondern auch seine Freiheit. Gelähmt und ohne Möglichkeit zu sprechen ist er seinem Vormund hilflos ausgeliefert.

Der Riss ist der neuste Roman der koreanischen Autorin Hye-Young Pyun.

Es ging alles so schnell. Plötzlich tauchte der Laster wie aus dem nichts auf und dann erinnert sich Ogi nur noch an das Gefühl zu fallen. Schwerelosigkeit, bis sein Wagen auf dem Boden aufschlägt und zerschält.

Tage später wacht er aus dem Koma auf um zu erfahren, dass seine Frau den Unfall nicht überlebt hat, er eventuell nie wieder laufen, seine Arme nicht benutzen und seinen Kiefer nicht benutzen kann. Aber, versichern ihm seine Ärzte, mit regelmäßigem Training und nach wenigen Operationen, sollte Ogi wieder ganz der Alte sein. Für die Zwischenzeit ist seine Schwiegermutter, seine einzige lebende Verwandte, sein gesetzlicher Vormund und damit für seine Pflege zuständig.

Schnell treibt sie eine Pflegekraft auf und setzt sich dafür ein, dass Ogi wieder nach Hause kommen kann. Doch wie er schnell bemerkt scheint seine Schwiegermutter ihre eigenen Ziele zu verfolgen und diese sehen nicht vor, dass Ogi wieder das Haus verlässt.

Koreanischer Roman mit düsterer Note

Der Riss ist bereits Hye-Young Pyuns neunter Roman. In seinem Mittelpunkt steht Ogi, der abwechselnd davon berichtet, wie es ihm in der Gegenwart, nach seinem Unfall ergeht, und wie er vorher sein Leben gelebt hat.

Dabei inszeniert Pyun die beiden Handlungsstränge parallel. Während Ogi aus dem Koma erwacht und voller Hoffnung ist, beschreibt sie gleichzeitig wie er seine Frau kennengelernt hat und die beiden ihre gemeinsame Zukunft begonnen haben.

Von dort an beginnt der Roman immer mehr abzutauchen in die Geheimnisse, die Ogi und seine Frau umgeben haben. All die kleinen Probleme, über die sie nicht sprachen und die vielen unerfüllten Träume, die sie in ihrem Garten vergraben haben.

Und so wie Ogis Gedanken immer düsterer werden, wird auch seine Gegenwart schleichend erfüllt von einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, welches durch das seltsame Verhalten der Schwiegermutter noch unterstreicht wird.

Dir beiden Handlungen kommen dabei an einen Punkt, wo unklar ist ob die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst, oder die Gegenwart dafür sorgt, dass Ogi beginnt an die dunklen Ereignisse seines Lebens zu denken.

Eindringliche Erzählung

Der Roman, in seiner eindringlichen und plastischen Erzählweise, ist definitiv nichts für schwache Nerven und hinterlässt den Leser nach jedem Kapitel mit einer gewissen Rastlosigkeit und der Frage, was denn nun noch an Aufdeckungen folgen können.

Dabei sind es die kleinen Gesten und Worte, die Pyuns Figuren so intensiv wirken lassen und in ihrer Erzählweise an Filme wie Requiem for a Dream erinnern.

Ein wirklich gelungener Roman, das hohe Niveau der koreanischen Literatur einmal mehr beweist.

Der Riss | Hye-Young Pyun | btb Verlag | 2019 | 221 Seiten | Bei Amazon bestellen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar von btb zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.