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Die störrische Braut: Eine Interpretation der Widerspenstigen Zähmung [Rezension]

Der Widerspenstigen Zähmung von Shakespeare ist sicherlich eines seiner am häufigsten reinterpretierten Stücke. Die bekannteste Fassung – 10 Dinge, die ich an dir hasse – konzentriert sich vor allem auf den RomCom-Aspekt der Geschichte, während die Filmversion von Elisabeth Taylor sich vor allem – nunja, besser kann man es nicht sagen – auf die zickigen Ausraster von Elisabeth Taylor selbst konzentriert.

Die störrische Braut von Anne Tyler wählt einen dritten Weg: Eine vollkommen uninteressante Protagonistin, die von ihrem Vater zu einer seltsam motivierten Ehe gezwungen werden soll.

Die Rolle der Kathrine ist seit jeher als Beruhigung für Eltern angelegt worden. „Selbst die störrische Kate findet zum Schluss einen Mann.“ Dabei ist es egal, dass sie zu ihrem „Glück“ gezwungen werden muss. Hauptsache sie stirbt nicht als alte Jungfer. Und genau diese Motivation wird immer wieder in modernisierten Versionen aufgegriffen und versucht mit unserem modernen Denken zu verbinden. Natürlich ist Kate einfach nur eine Feministin, der noch nicht der richtige Mann begegnet ist und deshalb ist sie single, egal ob das ihrem traditionellen Vater gefällt oder nicht.

Ähnliches könnte ein Leser auch von Anne Tyler erwarten. Sie begleitet in ihrer Geschichte Kate, eine junge Frau, die voller Selbstzweifel geplagt ist. Ihre Arbeit als Erzieherin ist zwar nicht ihr Traumjob, aber immerhin hat sie Spaß an der Arbeit mit Kindern. Sie würde gerne von zu Hause ausziehen, aber eigentlich stört es sie auch nicht sich um ihren Vater zu kümmern, der als Wissenschaftler mit allem anderen beschäftigt ist, außer mit dem Haushalt. Und dann ist da noch ihre Schwester Bunny, die vor allem mit ihrem Aussehen beschäftigt ist, wenn sie nicht gerade mit allem flirtet, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Ja, Kate könnte sich ein besseres Leben vorstellen, aber ihre Motivation irgendwas zu ändern ist dann doch nicht hoch genug. Auch wenn sie manchmal darüber nachdenkt, dass sie vielleicht nicht der höfflichste Mensch ist. Aber auch das stört sie nicht so richtig.

Und genau dies ist das Problem des Romans: Irgendwie ist er unzufrieden, aber eigentlich auch unmotiviert. So liest er sich und so wird er erzählt. Seltsam kurze Satzkonstruktionen, die scheinbar eine Grundmotivation haben zu einen Satz zu werden, dann aber mittendrin aufgeben.

Eine Protagonistin, die von ihrem eigenen Roman gelangweilt ist, aber auch nicht die Motivation aufbringt die Handlung voranzutreiben und nicht einmal, wie es der Titel vermuten würde, auf irgendeine Art störrisch ist.

Die Handlung scheint für einen Moment Fahrt aufzunehmen, als Pjotr eingeführt wird. Er ist der wissenschaftliche Assistenz des Vaters und soll bald in sein Heimatland zurückkehren, da sein Visum abläuft. Kurzerhand schlägt Kates Vater vor, dass sie Pjotr heiraten könnte, damit er seinen Assistenten nicht verliert. Kate sagt nein, da sie den Mann nicht kennt und nicht heiraten möchte nur um ihm ein Visum zu verschaffen.

Ihre Vater sagt zwei drei Mal bitte, Pjotr sagt, dass er Kate hübsch findet und damit könnte die ganze Sache vorbei sein. Nur geht es in Der Widerspenstigen Zähmung eigentlich darum, dass sie Kate schließlich doch noch verliebt, also wird diese seltsam unmotivierte Handlung über die nächsten Seiten gestreckt und irgendwie so etwas wie eine romantische Geschichte beschrieben, die sich in etwa wie folgt liest:

Vater: Bitte heirate ihn.

Kate: Nein.

Vater: Bitte.

Kate: Nein.

Vater: Aber er ist nett.

Kate: Ich will keinen Fremden heiraten.

Vater: Aber er ist der beste Assistent, den ich je hatte.

Kate: Nein.

Pjotr: Küss mich, Kate.

Kate: Hm, was auch immer. Okay.

Ende des Romans.

Schlechtester Roman der Hogarth Shakepeare-Reihe

Und genau diese Handlung, mit ihren seltsamen uninteressanten Figuren macht Die störrische Braut zum schlechtesten Roman der Hogarth Shakespeare-Reihe.

Weder ist die Handlung auf irgendeine neue Weise interpretiert worden, noch wird die Motivation der Figuren hinterfragt. Die Handlung des Shakespeare Stücks nimmt ihren Lauf, weil sie ihren Lauf nehmen muss. Macht es Sinn, dass Kate nicht einfach einen Fremden heiraten möchte: Absolut. Muss sie es trotzdem machen, weil dies zur Handlung gehrt: Natürlich. Gibt es eine Erklärung wie es dazu kommt: Nein.

Hinzu kommt, dass der Roman noch nicht einmal sonderlich gut geschrieben ist, so dass man sich als Leser durch 219 Seiten kämpft und dabei zunehmen das Gefühl hat, dass sich Tyler verpflichtet hat eine Interpretation Der Widerspenstigen Zähmung zu schreiben, keine Idee hatte und eine Woche vor Abgabe einfach irgendwas aufgeschrieben hat, um überhaupt einen Roman abgeben zu können.

Ich vergebe selten nur einen Stern als Bewertung, aber Die störrische Braut hat diese Bewertung deutlich gewonnen.

Die störrische Braut | Anne Tyler | 2016 | Penguin Deutschland | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar von Penguin Deutschland zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten [Rezension]

Unerwartet wird Comissaire Le Floch zu dem Selbstmord eines jungen Aristokraten hinzugezogen. Doch schnell entpuppt sich der scheinbare Selbstmord als grausamer Mord. Nur die Frage wie der Täter den Leichnam in einem hermetisch verriegelten Raum platziert haben kann, scheint noch offen zu sein, als Le Floch weiter und weiter in Intrigen verwickelt wird, die bis zum Hof von Versailles selber zu reichen scheinen.

Dramatischer Mord in 1761

Wie schon der erste Band aus Jean-François Parot historischem Kriminalroman, entführt uns auch Band zwei in das Paris des 18. Jahrhunderts. Nicolas Le Floch hat nun erste Erfahrungen als Comissaire gesammelt und ermittelt als dieser in etlichen Mordfällen. Der neuste dreht sich um den jungen Vicomte de Ruissec, der scheinbar Selbstmord begannen hat. Kurz darauf stirbt die Mutter des Verstorbene auf ebenso mysteriöse Weise und beide Toten sind direkt verbunden mit dem Kreis um die junge Prinzessin Adélaide.

Wie es sich für einen historischen Roman gehört, erfahren wir allerlei kleine Details über die Zeit und Welt in welcher Nicolas Le Floch lebt. Kurz vor der Französischen Revolution ist die Unzufriedenheit im Volk spürbar, wenn auch noch ein Funken von allgemeiner Euphorie besteht. Noch ist das Königshaus nicht der vollkommen Verschwendung bezichtigt worden, der Krieg in Amerika hat die Staatskassen noch nicht geleert und das Volk hat genug Nahrung.

Doch in kleinen Gesprächen und Andeutungen wird klar, dass die Gedanken der Aufklärung langsam ihren Einzug halten und das Volk bewegen.

Abgelenkt durch Details

Leider sind es genau diese Details, die immer wieder von der eigentlichen Handlung ablenken und in denen sich Parot immer wieder soweit verstrickt, dass man fragen muss was diese Informationen zum Roman beitragen. In den meisten Fällen ist die Antwort leider: Nicht allzu viel.

Dennoch sind die Ausschweifungen wesentlich angenehmer geworden, als sie noch in Band 1 waren. Auch der Schreibstil hat sich erheblich gebessert und schafft ein kohärenteres Bild, welches tatsächlich Lust auf mehr macht.

Trotz aller Kritik muss man festhalten, dass die Le Floch-Reihe eine wirklich inspirierende Rolle einnimmt und den Kriminalroman spannend neu interpretiert. Weshalb es so viele Jahre gebraucht hat, bis die Reihe endlich im Deutschen Raum erschienen ist, ist mir weiterhin ein Rätsel, welches auch der kluge Nicolas Le Floch nicht zu lösen vermag.

Comissaire Le Floch und der Brunnen der Toten | Jean-François Parot | 2018 | Blessing Verlag | Bei Amazon bestellen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar von Blessing zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Die Maske – Japanische Literatur, so finster wie die Nacht [Buchrezension]

Fumihiro wird in einer der mächtigsten Klans Japans hineingeboren. Doch ihre Macht wurde mit Blut und Skrupellosigkeit erkauft und nun soll Fumihiro seinem Vater auf dem Weg in die ewige Dunkelheit folgen.

Die Maske von Fumihiro Nakamura. Japanische Literatur in ihrer Höchstform.

Auch Fumihiro Nakamuras neuster Roman Die Maske setzt sich mit den Abgründen der menschlichen Existenz auseinander. Im Mittelpunkt steht dabei Fumihiro, der von seinem Vater zur Satt des Teufels ausgebildet werden soll. Ein Mensch, so skrupellos und abgestumpft wie er selbst. Allen Versuchen seines Vater zum Trotz, versucht der Protagonist sein eigenes Glück zu finden und aus der Dunkelheit seiner Familie auszubrechen, ohne zu merken, dass er damit immer weiter in das Netz seines Vaters stolpert, bis es nur noch einen Ausweg gibt, der Fumihiros Leben für immer verändern wird.

Ein Drama auf dem Höhepunkt der japanischen Literatur

Genau dieses Spiel von Schicksal und dem Versuch einen eigenen Weg zu finden ist es, was Nakamuras Roman so spannend macht. Man möchte, dass Fumihiro seinem Vater entkommen kann und gleichzeitig wird einem beim Lesen bewusst, dass der Preis dafür zu hoch sein könnte. Und wir auch dem Protagonisten selber langsam klar wird, wie die Handlung weitergehen wird, kann sich auch der Leser nicht den Erzählungen entziehen und wird immer weiter in die komplizierte Welt des Kuki-Klans hineingezogen, der irgendwo zwischen Yakuza und dem Gesetzt existiert.

Doch es ist nicht nur die Handlung, die diesen Roman so außergewöhnlich macht, sondern Nakamuras Umgang mit Sprache, Metaphern und Zeit. Immer wieder spielt er mit großen Bildern und philosophischen Fragen, die uns wundern lassen wie weit man selber gehen würde um seinem eigenen Schicksal zu entkommen.

Gleichsam ist der Roman in unterschiedlichen Zeitabschnitten erzählt, die uns Teile der Vergangenheit und Zukunft erzählen und dabei immer wieder die Frage aufwerfen: Wie konnte es dazu kommen? Vor allem anderen zeigt Nakamura durch sein Erzählgeschick, dass man seiner Zukunft nicht entkommen kann und das jede unserer Entscheidungen Konsequenzen mit sich zieht.

Einer der spannendsten Romane des Jahres

Als ich Nakamuras Die Maske in die Hand nahm, konnte ich mir kaum vorstellen, dass ich den Roman erst zwei Tage später wieder aus der Hand legen könnte. Die Geschichte ist beinahe schon absurd spannend und zieht den Leser langsam in einen dunklen Abgrund, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint und der so endlos ist, dass man sich kontinuierlich fragt wie Fumihiro diese Zeit überstehen kann. Jedes Kapitel führt weiter hinab in eine Welt voller Verrat und Verbrechen, die weit außerhalb der eigenen Vorstellungskraft liegen. Brutal dunkel und abscheulich schön.

Die Maske | Fumihiro Nakamura | Diogenes Verlag | 352 Seiten | Japanische Literatur | 2018 | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden [Buchrezension]

Was wäre, wenn du erfahren würdest, dass du nur noch wenige Tage zu leben hättest und dir der Teufel höchstpersönlich einen Pakt anbietet: Für jeden weiteren Tag auf der Erde muss lediglich eine Sache von der Welt verschwinden. Gar nicht so schlimm, oder? Es gibt so viel unnützen Kram auf der Welt, dass sich sicherlich genug Dinge finden lassen, die einfach verschwinden können. Doch der Teufel wäre nicht wer er ist, wenn er es bei Plastikstrohhalmen belassen würde…

Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden. Der neue Roman von Genki Kawamura.

In Genki Kawamuras neuem Roman „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ muss sich sein Protagonist nicht zwischen Müll entscheiden um seinen unausweichlichen Tod zu entkommen, sondern zwischen Filmen, Telefonen und Katzen. Und während unsere Welt sicherlich ohne Telefone auskommen würde, sind Katzen eine vollkommen andere Kategorie, die den Protagonisten an den Rand seiner Existenz drängt und die Frage aufwirft: Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Auf 192 Seiten hat Kawamura nur sehr begrenzten Platz um diese essentielle Frage der Menschheit zu beantworten. Und so entschließt er sich stattdessen weniger über die philosophische Motivation seines Protagonisten zu schreiben, sondern auf dessen Leben zurück zu blicken. Auf dessen Mutter, die viel zu früh verstorben ist. Auf seinen besten Freund, mit dem er seit seiner High School-Zeit quasi nicht mehr gesprochen hat. Seine Exfreundin, mit der es einfach nicht klappen wollte und seinen Vater, mit dem er seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr gesprochen hat.

Und während all diese Erzählungen die Handlung langsam in die länge ziehen um davon abzulenken, dass an jedem weiteren Tag, den der Protagonist leben darf, eigentlich nichts wirklich interessantes passiert, scheitert diese Erzählungen an dem was einen Roman ausmachen sollte: Ihn spannend zu machen.

Von Anfang an steuert die Handlung auf die unumgängliche Entscheidung zu: Die Katzen oder der Protagonist. Ein Ausgang, der durch den Buchtitel bereits mehr oder weniger vorweggenommen wird und durch den Klappentext weiter befeuert wird. Da der Handlungsverlauf und sein Ausgang mehr oder weniger feststeht, bleiben dem Autor lediglich zwei Möglichkeiten um den Leser dazu zu bringen seinem Roman zu folgen. Zum einen kann er den Protagonist auf eine Art und Weise beschreiben, die dafür sorgt, dass der Leser mit ihm mitfiebert und im entscheidenden Moment ihn nicht gehen lassen möchte. Oder zum anderen kann die Handlung für jeden einzelnen Tag so sehr mit Spannung aufgeladen werden, dass die finale Entscheidung im Weg der eigentlichen Handlung steht.

Kawamura entscheidet sich auch hier anders als erwartet. Von Anfang an wird klar, dass unser Protagonist eigentlich niemanden in seinem Leben hat. Bei seiner Arbeitsstelle fällt nicht auf, dass er sich krankmeldet, Freunde besitzt er nicht, mit seiner Familie redet er nicht mehr und seine Exfreundin ist zu recht nicht mehr mit ihm zusammen, da er sich ohnehin nicht für sie interessiert hat. Zudem ist der Protagonist vollkommen uninteressant. Nach seiner Arbeit als Briefträger guckt er gerne alleine Filme und geht danach ins Bett um am nächsten Tag wieder früh arbeiten zu können. Dazu hat er keinen wirklich ausgeprägten Charakter und ist so farblos, dass er noch nicht einmal einen Namen bekommen hat.

Auch wird die Handlung nicht durch seine Tätigkeiten nach dem Pakt mit dem Teufel spannender. Er nutzt die Tage zwar um mit alten Freunden Kontakt aufzunehmen, diese Treffen bestätigen jedoch nur weiter, was der Leser schon zuvor wusste: Der Protagonist ist so uninteressant, dass seine Freunde nicht einmal wirkliches Mitleid zeigen, wenn er ihnen eröffnet, dass er bald sterben wird. Wie sollen Leser sich um eine Figur sorgen oder sich für sie erwärmen, wenn es noch nicht einmal den anderen Figuren um ihn herum gelingt.

Zumindest für den Schreibstil bekommt Kawamura ein paar Pluspunkte, denn der Roman lässt sich zumindest einigermaßen gut lesen. Dennoch bleibt Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden ein fader Roman, der mit einer uninteressanten Protagonisten beginnt und mit diesem endet. Keine der erzählten Geschichten trägt dazu bei, dass man ihm wünscht, dass er nicht verschwinden würde. Ganz im Gegenteil. Zum Schluss ist er nur der freundlose Japaner, der dafür sorgt, dass niemand jemals wieder ins Kino gehen kann. Ein Fakt von dem auch die hübsche Covergestaltung nicht ablenken kann.

Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden | Genki Kawamura | C. Bertelsmann Verlag | 192 Seiten | Japanische Literatur | 2018 | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Von Beruf Schriftsteller – Murakamis lang ersehnte Autobiographie als Taschenbuch [Review]

Jahre lang hat Haruki Murakami so gut wie gar nicht über sich selbst gesprochen, nun ist sie endlich als Taschenbuch erhältlich: Seine Autobiographie Von Beruf Schriftsteller.

Ein Buchstapel mit Büchern von Haruki Murakami. Oben auf liegt Von Beruf Schriftsteller.

Bereits seit 1979 ist Haruki Murakami als Autor tätig und hat nicht nur den großen japanischen Nachwuchspreis gewonnen, sondern wird seit über einem Jahrzehnt als Anwärter auf den Literatur Nobelpreis gehandelt. Für den berühmtesten Autor Japans, ist er dennoch besonders still und tritt wenig in der Öffentlichkeit auf. Umso überraschender war die Erscheinung seiner Autobiographie im Jahre 2015, die nun endlich auch in der deutschen Taschenbuchversion vorliegt.

In ihr widmet sich Murakami nicht nur seinem Leben und wie er zum Schreiben gekommen ist, sondern versucht vor allem neuen Autoren Tipps zu geben, wie man einen guten Roman schreibt. Dabei verwendet er sich selbst – wie er so schön schreibt in Ermangelung eines anderen Beispiels – als Testobjekt und schildert wie ihm die jeweiligen Tipps bei verschiedenen Romanen geholfen haben.

Murakami ist es dabei wichtig zum einen zu zeigen, dass Schriftstellerei routinierte Arbeit ist, hinter der viel – nunja – Arbeit steckt. Zum anderen jedoch zu beschreiben, wie diese Routine vereinfacht werden kann. Tipps wie: Schreibe jeden Tag 400 Zeichen – 400 japanische Zeichen entsprechen dabei etwas mehr als 1000 Zeichen in römischen Buchstaben / einer halben Din-A4-Seite Computertext – um am Ball zu bleiben und schreibe somit innerhalb eines Jahres einen kompletten Roman, sind besonders hilfreich für jeden, der schreibt.

Auch seine Schilderungen dazu wie schwierig es ist einen eigenen Still zu finden, kann jeder, dessen Handwerk das Schreiben ist, nur zu gut nachvollziehen und verstehen jene, die davon träumen ein eigenes Buch zu verfassen, wahrscheinlich besser als jeder anderer.

All seine Tipps werden mit Beispielen seiner selbst und dem Hinweis: Das was ich hier sage gilt für mich und ich komme damit gut zu recht, es muss jedoch nicht der richtige Weg für jeden sein, untermalt. Genauso wie seine Beispiele darauf hinauslaufen, dass er vielleicht genauso gut zu Beginn nur reines Glück hatte entdeckt zu werden. In seiner japanischen Zurückhaltung versucht er gleichsam nicht anmaßend zu wirken, wenn er Tipps für Schriftsteller vergibt, während es sich gleichsam bei ihm um einen der erfolgreichsten Autoren unseres Jahrhunderts handelt. Der Ruhm gibt ihm also gewissermaßen Recht Ratschläge zu verteilen.

Und davon hat Murakami nicht zu wenige in seiner Autobiographie verborgen.

Autobiographie oder Ratgeber

Und genau diese Betitelung stellt eine Schwierigkeit für den Einstieg in Murakamis Von Beruf Schriftsteller dar, denn während Verlagshäuser die Erscheinung als Autobiographie feiern, handelt es sich mehr um einen Ratgeber mit autobiographischen Charakter. Murakami begleitet einen fiktiven Autor auf seinem Weg vom Anfang der Karriere, über das routinierte Schreiben zum Weg ins Ausland. Er beschreibt Hürden, die jedem Autor begegnen und wie man mit diesen umgehen kann.

Gleichsam verwendet er sich selbst als Beispiel um zu zeigen wie die einzelnen Stationen einen Schriftsteller-Karriere aussehen können und wie ein Autor es schaft mehr als ein One-Hit-Wonder zu werden. Dabei argumentiert er resolut gegen das Schreiben für eine bestimmte Zielgruppe und dem folgen von Trends. Er beschreibt jedoch auch die Schattenseiten dieser Einstellung und seine Ausgrenzung innerhalb der Literaturlandschaft Japans und wie ihn diese Ausgrenzung ins Ausland getrieben hat, wo er für seine Japanhaftigkeit plötzlich gefeiert wurde.

Gerade diese autobiographischen Passagen lesen sich fast wie eine Rechtfertigung für seinen Erfolg, während sie gleichsam versuchen jedem Autor, der sich nicht innerhalb des Literaturapparats wiederfindet, Mut zu machen dennoch seinem eigenen Weg zu folgen.

Wichtig ist dabei für Murakami lediglich, dass ein Autor seinem eigenen Herzen treu bleibt, seine Kreativität richtig nutzt, lieber jeden Tag ein wenig schreibt als in eine Schreibblockade zu rutschen (Routine gegen Unkreativität), sich mit Literatur in jeglicher Form auseinandersetzt um einen eigenen Schreibstil überhaupt formen zu können und für einen imaginären Leser schreibt, der den eigenen Literaturgeschmack teilt, ohne dabei ein Geschlecht oder Alter haben zu müssen.

Murakami außerhalb seiner Komfortzone

Im Grunde ist es egal ob es sich bei Von Beruf Schriftsteller eine Biographie handelt oder nicht. Zwischen den Zeilen erfährt man, dass Murakami gerne mit Katzen spielt, Bücher liebt, Jazz vergöttert und Baseball mag. Außerdem reist er gerne während er schreibt. All dies hilft das Mysterium Murakami zu ergründen, doch im Grunde sind dies, wenn man seine Romane gelesen hat, keine wirklichen Neuigkeiten.

Er wagt sich mit seinem Ratgeber weit genug aus seiner Komfortzone heraus um sich mehrfach für seine Meinung und seine Impertinenz zu entschuldigen. Gleichsam gibt er nur so viel über sich als Person preis, wie gerade nötig ist um seine Meinung wirklich unterstreichen zu können. Dabei entsteht der Eindruck, dass seine Tipps zum Schreiben viel persönlicher sind, als jedes Detail zu Haustiervorlieben es jemals sein könnte und genau dies macht die Stärke von Haruki Murakamis Von Beruf Schriftsteller aus.

Von Beruf Schriftsteller | Haruki Murakami | BTB Verlag | 240 Seiten | Japanische Literatur | 2018 | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Wenn der Wind singt | Pinball 1973 – Murakamis erste Romane endlich in Deutsch [Review]

Passend zum Erscheinen von Murakamis Autobiographie als deutsches Taschenbuch sind nun endlich auch seine ersten beiden Romane außerhalb von Japan publiziert worden und vervollständigen damit die Trilogie der Ratte, zu der als dritter Band Wilde Schafsjagd gehört.

Ein Buchstapel mit Haruki Murakami-Romanen. Oben auf liegt der Doppelband Wenn der Wind singt & Pinball 1973.

Der Doppelroman beginnt mit einem Auszug aus Murakamis Autobiographie Von Beruf Schriftsteller in welchem er beschreibt wie er eines Tages auf die Idee kam einen Roman zu schreiben, zudem nach dem Gewinn des Nachwuchspreises ein zweiter und ein dritter wurde. Es beschreibt jedoch auch, dass er im Nachhinein das Gefühl hatte alles an diesen Romanen hätte besser machen zu können, was ihn unter anderem dazu führte seine Erstlingswerke nicht in anderen Ländern zu publizieren, was die Trilogie der Ratte für die meisten Leser somit unvollständig ließ.

Wenn der Wind singt

Roman eins beginnt relativ unspektakulär mit einer Kleinstadt am Meer, in der der Protagonist und sein bester Freund Ratte nicht genau wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Immer wieder treffen sie sich in der Bar von Jay und reden über alles und nichts. Sie philosophieren über das Leben und die Zukunft, ohne dabei jedoch konkret auf das eigene Leben einzugehen.

Wenn der Wind singt lebt dabei von unpräzisen Momentaufnahmen. Wie ein Polaroidalbum, welches durcheinander geraten ist, jedoch ausreicht um zu zeigen, wie die beiden jungen Männer einen gemeinsamen Sommer verbrachten, auf Rendezvous gangen, tranken und Bahnen im Freibad zogen.

Die Geschichte ist genauso kurzweilig wie kurz und zeigt perfekt von welchem Ausgangspunkt sich Murakami weiterentwickelte. Bereits der erste Roman beinhaltet fast alle Elemente, die heute einen klassischen Murakami ausmachen, auch wenn sich gerade die ersten Seiten anfühlen, als hätte jemand alle Sätze, die ihm durch den Kopf geschossen sind, niedergeschrieben. Wenn man der autobiographischen Einleitung glauben darf, ist dies ebenfalls genau das, wie sie entstanden sind.

Pinball 1973

Der zweite Roman der Trilogie der Ratte begleitet den Protagonisten nach Tokyo, wo er beginnt in einem Übersetzungsbüro zu arbeiten. Er beschreibt seinen Alltag, das Mädchen, das im Büro aushilft, seine Freunde und seine Suche nach einer Erfüllung. Er steht an einem Scheideweg in seinem Leben und weiß nicht was er weiteres tun soll. Da erinnert er sich daran, wie er eine Weile ganz vernarrt war in Pinball-Automaten und begibt sich auf die Suche nach seinem Lieblingasutomaten, von dem nur eine geringe Anzahl hergestellt wurde.

Gleichsam befindet sich Ratte immer noch in seiner Kleinstadt. Den Kontakt zum Protagonisten hat er schon lange verloren, nur noch Jay und seine Bar sind da. Sie scheinen das einzige stabile Element in seinem Leben zu sein. Und auch dieses kann er nicht mehr in seinem Leben haben.

Pinball 1973 ließt sich deutlich klarer und strukturierter als sein Vorgänger. Die Präzision Wörter auszuwählen und Begebenheiten zu schildern schreitet ebenso voran, wie sonderbare Ereignisse, die sich langsam in den Roman einschleichen, bevor sie in Band drei endlich ausbrechen dürfen.

Absolutes Lesemuss für Murakami-Fans

Was lässt sich über diese beiden Romane eher sagen, als, dass sie für Murakami-Fans ein absolutes Muss sind? Sie zeigen den Ursprung einer Romancier-Karriere, vervollständigen eine Trilogie und bilden überdies hinaus eine perfekte Ergänzung zu Murakamis Autobiographie, die immer wieder zu seinen ersten beiden Romanen zurückkehrt.

Doch auch für jemanden, der noch nie einen Murakami-Roman in der Hand gehalten hat, bilden diese beiden Romane einen wundervollen, Einstieg in sein Werk. Sie beginnen lebhaft und fröhlich und entwickeln sich langsam in eine melancholische Richtung, die philosophisch das Leben betrachtet und wohl am ehesten mit dem portugisischen Saudade beschrieben werden kann.

Wenn der Wind singt | Pinball 1973 | Haruki Murakami | BTB Verlag | 272 Seiten | Japanische Literatur | 2018 | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Der weite Raum der Zeit – Jeanette Winterson erzählt Shakespeare [Review]

Heute bekommt ihr meine dritte Rezension aus der Hogarth Shakespeare-Reihe. Einem phantastischem Projekt, bei dem acht großartige Autoren jeweils eines ihrer Lieblingsstücke von Shakespeare in Romanform nacherzählen. Dazu gehören beispielsweise Magaret Atwoods Version von Der Sturm und Edward St. Aubyns Interpretation von King Lear. Heute stelle ich euch Jeanette Wintersons (Orangen sind nicht die einzige Frucht, Why be Happy When You Could be Normal?) Neuerzählung von Shakespeares Wintermärchen vor.

Der weite Raum der Zeit, die Neuinterpretation von Jeanette Winterson.

Shakespeares Wintermärchen ist eines der kompliziertesten Beziehungsdramen. Es fällt in eine Kategorie zusammen mit Goethes Die Wahlverwandschaften was positive Ereignisse angeht. Erzählt wird im Original, sowie in Wintersons Nacherzählung die Geschichte von Leo (Leontes), dessen bester Freund Xeno (Polixenes) einige Zeit bei ihm und seiner schwangeren Frau Mimi (Hermione) lebt. Nachdem die drei einige Zeit glücklich zusammen leben, beginnt Leon zu glauben, dass Mimi und Xeno eine Affaire haben. Er ist sich dessen so sicher, dass er sogar darauf besteht, dass ihr gemeinsames Kind nicht seines ist, sondern eigentlich zu Xeno gehört.

Kurz vor der Geburt konfrontiert Leo Xeno mit seinem Verdacht und vertreibt ihn unter Todesdrohungen aus der Stadt. Als das Kind schließlich geboren wird lässt Leo es zu Xeno schicken, doch durch eine Verkettung unglücklicher Umstände gelangt es niemals dort hin. Leos Gärtner, der das Kind überbringen soll, wird auf offener Straße überfallen und ermordet. Die kleine Perdita wird von einem Vater und seinem Sohn aufgenommen und wächst als Teil ihrer Familie auf.

Jahre vergehen und Perdita lernt Zel (Florizel) in einer Bar kennen und verliebt sich in ihn. Wie sich herausstellt ist er ausgerechnet Xenos Sohn, der mit ihr gemeinsam ihr Vergangenheit zu entrollen sucht.

Poetische Nacherzählung, nah am Original

Winterson zeigt mit ihrer Fassung von Das Wintermärchen, dass sich eine Nacherzählung nah am Original bewegen kann ohne unoriginell zu werden. Ihre Figuren sind lebendig und poetisch. Sie spielen mit Worten und schimmern im Neonlicht, welches sie ständig zu umgeben scheint. Sie bewegen sich in unserer Zeit und dennoch dazwischen.

„Einer der Arbeite wollte das alles nicht, hielt es für falsch, für unmoralisch, denke ich. Für ein Zeichen der Zeit. Aber die Zeit hat so viele Zeichen, wenn wir sie alle läsen, würden wir an gebrochenem Herzen sterben.“
— Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

In Der weite Raum der Zeit wird nicht nur Shakespeares Vorlage nacherzählt, es wird durch Hintergrundgeschichten erweitert. Winterson erklärt, weshalb es zu den Spannungen zwischen Leo und Xeno kommt, indem sie ihre Vergangenheit aufrollt und das erste Treffen mit Mimi schildert. Sie belebt Perditas Ziehfamilie zum Leben, indem sie Hintergrundmotive für das komplizierte Familienleben findet. Und sie gibt vor allem Perdita und Zel einen wirklich Grund dafür, weshalb sie zusammen sein wollen.

Alles eingebettet in der Frage danach was Zeit ist und wie sie sich auf Beziehungen auswirkt. Dabei fokussiert sich die Geschichte in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge zunächst auf die Ereignisse zwischen Mimi und Leo, dann Leo und Xeno, um schließlich mit Xeno und Mimi zu schließen und den Kreis perfekt zu machen.

Winterson gelingt hierbei, woran St. Aubyn bei seiner zu nahen Nacherzählung von Shakespeares King Lear gescheitert ist: Sie macht die Welt zu ihrer eigenen. Die Geschichte bleibt beinahe vollständig erhalten und dennoch schaft sie es die Geschichte in eine neue Zeit, die vollkommen losgelöst von unserer zu existieren scheint, zu transformieren.

„In Booten machten wir uns auf den Weg. Die Sterne waren wie Lichter an den Spitzen unserer Masten. Wir wussten nicht, dass Sterne Fossilien sind, Abdrücke der Vergangenheit, und ihr Licht ausstreuen wie eine Botschaft, wie einen letzten Wunsch.“
— Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

Der weite Raum der Zeit| Jeanette Winterson | Knaus Verlag | 288 Seiten | Neuinterpretation | 2016 | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.