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P.S. I still love you: Die Liebe könnte so einfach sein, ist sie aber nicht [Hörbuch]

Lara Jeans Leben ist ganz schön aus den Fugen geraten. Sie und ihr Freund hatten einen riesigen Streit, der unüberwindbar zu sein scheint, ein vermeintliches Sexvideo taucht bei Instagram auf und dann antwortet John, Lara Jeans Kindheitsliebe, auch noch auf den letzten ihrer Liebesbriefe. Ja, in Band zwei der To all the boys I loved before-Reihe geht es hoch her.

P.s. I still love you von Jenny Han ist nun auch als Hörbuch erhältlich.

Nach den Ereignissen aus Band eins – zu denen ihr hier meine Rezension findet – hat sich Lara Jeans Leben nicht wirklich vereinfacht. Ihre geheimen Liebesbriefe, die heimlich von Kitty verschickt wurden, haben Lara Jean nicht nur mit dem Jungen, den sie liebt, zusammen gebracht, sie haben noch viel mehr Chaos angerichtet, als sie abschätzen kann. Denn plötzlich ist ausgerechnet John wieder in ihrem Leben. John, mit dem sie ihren romantischsten Moment erlebt hat. John, den sie heimlich besucht hat um zu sehen wie es ihm geht. John, den sie nicht ansprechen konnte.

Und doch ist es eigentlich Peter, den sie liebt. Oder nicht? Lara Jean muss eine Entscheidung treffen: Will sie mehr von John, als sie sich eingestehen will oder möchte sie um Peters Liebe kämpfen?

Halbzeit für die Liebe

Mit P.S. I still love you geht die Reihe rund um Lara Jean in die zweite Runde und wird mit Always and Forever, Lara Jean ihren Abschluss finden. Nachdem Jenny Han bereits in Band eins eine sehr turbulente Liebesgeschichte mit vielen witzigen Momenten erzählt hat, macht sie mit dieser Grundformel auch im zweiten weiter. Natürlich ist die Geschichte um die Highschool-Schülerin Lara Jean und ihr Liebesleben kein hochtrabendes Epos, aber dass muss es auch gar nicht sein.

Diese zuckersüße Geschichte unterhält auf ihre eigene Art und Weise und wirft uns mitten hinein in den Alltag einer amerikanischen Highschool mit all ihren eigenen Regeln und Verwickelungen. Gleichzeitig geht es im zweiten Band mehr um Lara Jeans Kindheit, ihre Freundschaften und wie sich diese weiterentwickelt haben.

Ein wirklich sehr gelungenes Hörbuch

Untermalt wird diese gut geschilderte Handlung, in die man sich schnell hineinfühlen kann, von Leonie Landa, die bereits für To all the boys I loved before Lara Jean ihre Stimme lieh. Ihre Stimme klingt sanft, nachdenklich, melancholisch und nachdenklich. Gleichzeitig schwankt sie zwischen dem kleinen Mädchen, welches Lara Jean gerne wäre, und der Frau, die sie gerade wird.

Ihre Stimme macht es einfach dem Geschehen nicht nur zu lauschen, sondern vollkommen in es einzutauchen und mitzufiebern. Auch fällt im zweiten Hörbuch weniger stark auf, an welchen Stellen gekürzt wurde. Während in Band eins John vollkommen fehlte, der beim zweiten Hörbuch scheinbar aus dem nichts auftaucht, fallen mir beim hören dieses Mal weniger Szenen auf, die gekürzt wurden. Und das, obwohl es sich wiederum um eine gekürzte Fassung handelt.

Natürlich kann man an dieser Stelle wieder einmal das Vorgehen des Verlags kritisieren, jedoch sind die fehlenden Szenen dieses Mal weniger entscheidend und sorgen eher dafür, dass das Tempo des Buches ein wenig beschleunigt wird, ohne unvollständig zu wirken.

Ein (Hör)Buch, dass Lust auf mehr macht

Ich kann es kaum erwarten in diesem Jahr die Fortsetzung zu P.S. I still love you zu lesen und ich hoffe sehr darauf, dass CBJ Audio sich wieder dafür entscheiden wird eine Hörbuchfassung mit Leonie Landa auf den Markt zu bringen.

Die Reihe im Überblick:


Dieses Hörbuch wurde mir von CBJ als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Nein, dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Odyssee: Gefeierte Übersetzung mit gruseligem Schriftsatz [Buchrezension]

„Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es
Abtrieb vom Wege, seit Trojas heilige Burg er verheerte.“
– Homer – Odyssee – Übersetzung Kurt Steinmann

Kurt Steinmanns gefeierte Ausgabe von Homers Odyssee.

Die Odyssee als solcher bedarf keiner Einleitung. Sie ist so bekannt, dass sie in ein geflügeltes Wort übergegangen ist und gerade so, wie es Odysseus, der Held des Heldengesangs, 20 Jahre brauchte um endlich den Weg zurück zu seiner Frau zu finden, so gibt es scheinbar auch keinen Leser, der diese Erzählung in weniger Jahren durchzulesen vermag.

Gerade diesen Zustand versucht Kurt Steinmann mit seiner Übersetzung zu ändern. Gleichzeitig versucht er sich möglichst nah an den Originaltext zu halten und ihn dennoch in Worten und Satzstrukturen wiederzugeben, die unserer Zeit entsprechen und die es dem Leser dadurch ermöglicht einen Zugang zum ohnehin schon schwierigen Text zu geben. Über dies hinaus bietet die Taschenbuchausgabe von 2016 56 Seiten mit allerhand Erklärungen zu einzelnen Worten, Begriffen und Personen, die das Verständnis weiterhin förder sollen.

Allein für das anfangs genannte Zitat finden sich gleich zwei Erklärungen, die zum einen die altertümliche Verwendung des Wortes wandlungsreich (jemand, der eine Situation zu seinem Vorteil zu wandeln weiß) und zum anderen eine Hilfestellung für die Anspielung auf den Untergang Trojas (es war Odysseus, der das hölzerne Pferd nach Troja schickte) bieten.

All dies kann jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Odyssee weiterhin einer der anspruchsvollsten Texte der Menschheit bleibt, der in seinem eigenwilligen Versmaß fast 400 Seiten umfasst. Aber dies wiederum wird jedem Leser klar sein, der sich auf dieses Werk einlässt. Es erwartet auch niemand Faust an einem Tag durchzulesen und ohne Schwierigkeiten zu verstehen.

Die Odyssee der Weißräume

Woran es dieser Ausgabe jedoch vor allem anderen mangelt, ist ein gut lesbares Layout. Die Zeilen sind fast vollständig an den Rand gequetscht und in einer etwas zu kleinen Schriftart gesetzt. Der einzige vorhandene Weißraum befindet sich jeweils rechts der einzelnen Verse, wenn ein Vers nicht lang genug ist um bis zur Versnummer zu reichen.

Dieses Vorgehen sorgt leider dafür, dass es äußerlich wirklich schön und edel gestaltete Buch, von innen relativ billig wirkt. Es erweckt den Eindruck, dass niemand wirklich darüber nachgedacht hat den hochwertigen Inhalt in eine Form zu bringen, die diesem entspricht. Fast hat man das Gefühl, dass Papier gespart werden sollte. Ein Rand von etwa ein bis zwei Zentimetern hätte sicherlich hier viel retten können und das Buch, welches ohnehin schon etwas wuchtiger ist als viele andere Taschenbücher, nur minimal vergrößert.

Auch die Anmerkungen wären sicherlich nicht im Anhang, sondern als Fußnoten praktischer gewesen, so dass man nicht ununterbrochen damit beschäftigt ist vor und zurück zu blättern, aber dies hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab.

Preiswerte Variante einer sehr gelungenen Übersetzung

Gerade wer die Übersetzung von Johann Heinrich Voß kennt, wird überrascht sein, wie viele Unterschiede es zu dieser neuen Version von Steinmann gibt, die sich Näher an das Original zu halten sucht. Damit nimmt Steinmann, wie bei vielen neueren Übersetzungen klassischer Werke, von der Tradition Abschied ein poetisches Werk vor allem als poetischen Text zu übersetzen, der auch in der Deutschen Fassung ein eigenes Versmaß aufweist, welches Poesie über Textnähe stellt. Dies bringt mit sich, dass der Text nicht unbedingt immer so wohlklingend ist wie es beispielsweise bei Voß der Fall ist, dafür aber weniger Inhalt auslässt und hierdurch Zusammenhänge anders darstellen kann.

Wem es also nur darum geht diese wirklich gelungene neue Übersetzung zu lesen, der ist mit der Taschenbuchausgabe vom deutschen Penguin Verlag sehr gut bedient, da sie eine preislich wirklich gute Alternative zur Erstausgabe vom Manese Verlag darstellt, welche mit 129 Euro nicht unbedingt erschwinglich ist. Hier hingegen ist das Taschenbuch für bereits 12 Euro erhältlich. Dennoch muss man was den Lesekomfort angeht einige Abstriche machen.

Odyssee | 2016 | Penguin Verlag | 445 Seiten | Bei Amazon kaufen


Die Odyssee wurde mir vom Penguin Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Magisterium: Willkommen in Cassandra Clares Zauberschule [Buchrezension]

Sein ganzes Leben ist Callum Hunt von seinem Vater vor der Zauberschule – dem magisterium &ndach; gewarnt worden. Dem Ort, der für den Tod seiner Mutter und vielen anderen Menschen verantwortlich ist. Nun soll Call selber dorthin gehen und es gibt kein Entkommen vor den Magiern…

Magisterium: Eine Fantasy-Reihe rund um den jungen Magier Callum Hunt.

Mit der Magisteriums-Reihe erscheint eine neuerliche Kooperation von Cassandra Clare (The Mortal Instruments), dieses Mal zusammen mit Holly Black (Die Spiderwick-Geheimnisse). Bereits 2014 wurde der erste Band Der Weg ins Labyrinth publiziert und ist nun auch als Taschenbuch in Deutschland erschienen.

Grundlegend erzählt die Reihe von Callum und seinen beiden Mitstreitern Aaron und Tamara, mit denen er gemeinsam von Master Rufus im Magisterium in Magie unterrichtet. Anders als von seinem Vater immer beschrieben, handelt es sich hierbei jedoch um eine recht friedliche Schule, die mit ihren Schülern sehr verantwortungsvoll umgeht, sie gleichsam aber auch darauf vorbereitet die nicht magische Bevölkerung vor gefährlichen Magiern, wie dem Feind des Todes, zu beschützen.

Jeder der einzelnen Bände erzählt dabei von den Abenteuern, die die drei innerhalb eines Schuljahrs erleben. Bisher sind bisher drei Bände erschienen. Zwei weitere sind angekündigt.

„Ist doch nur ein Harry Potter rip off

Den größten Vorwurf, den sich Clare und Black für ihre Magisteriums-Reihe anhören dürfen ist sicherlich, dass es ein rip off von Harry Potter ist, also die beiden lediglich von Rowlings Erfolg zu profitieren suchen, indem sie eine ähnliche Geschichte erzählen.

Und ja, es gibt gewaltige Parallelen zwischen den beiden Reihen. Eine Zauberschule, drei Lehrlinge, ein Feind, der den Tod zu überwinden sucht, Aufgaben, die nicht von Kindern erledigt werden sollten und Bücher, die jeweils die Ereignisse eines Schuljahres zusammenfassen. Ach und um ein Internat handelt es sich bei beiden Schulen dann auch noch.

Jedoch trift dies auf beinahe jede Geschichte zu, die in irgendeiner Form etwas über magische Schulen, Internate oder Magier erzählt. Gerade die Kombination einer Gruppe bestehend aus zwei Jungs und einem Mädchen ist dabei im gesamten Bereich der Jugendbücher sehr beliebt. Zudem wirft es die Grundlegende Frage auf, ob jemals wieder ein Zaubererbuch geschrieben werden kann, ohne, dass jemand den Vorwurf erhebt, dass die Geschichte nur auf Basis von Rowlings-Geschichten entstehen konnte.

Nein, diese Geschichte ist nicht einfach eine weitere Harry Potter-Geschichte, auch wenn man sich natürlich vorstellen kann, dass Clare und Black durchaus die Geschichten um den berühmten Zauberlehrling gelesen haben. Dennoch ist ihr Universum durchweg anders geartet. Magie wird hier viel klassischer praktiziert. Es gibt die vier klassischen Elemente und das Chaos, die eher unter einem Alchemistischen Blickwinkel betrachtet werden. Magier müssen keine komplizierten Zaubersprüche lernen, sondern die vier Elemente anrufen und diese benutzen, indem sie sie verändern.

Auch die Handlung hat abgesehen von dem Kampf von Gut und Böse – der immer wieder als ein Kampf mit vielen Grautönen beschrieben wird – nur sehr wenig von Rowlings Geschichte. Grundsätzlich werden klassische Fantasy-Motive aufgegriffen und in kreativer Weise in eine neue Welt eingebettet. Dabei geht es um Fragen von Loyalität, Freundschaft und Vertrauen. Über allem schwebt dabei die Frage warum ein Mensch auf die dunkle Seite wechselt. Welche Motive kann jemand haben um einen Krieg zu beginnen und die Welt ins wortwörtliche Chaos zu stürzen.

Tolle Erzählstimme mit sarkastischen Momenten

Besonders die Erzählstimme von Callum macht diese Buchreihe so interessant. Callum ist kein braver kleiner Zauberlehrling, der für das Wohl der Menschheit ein paar Regeln zurechtbiegt. Callum ist eine durchweg sarkastisch angelegte Figur, die seinen eigenen Ideen mit einbringt und durchaus dunkle Pläne hinterfragt. Um noch einmal zu dem Harry Potter-Vorwurf zurück zu kommen: Er hätte in Band eins bereits Dumbeldores Vorgehen hinterfragt und ihn darauf angesprochen, weshalb ausgerechnet er gegen Voldemort kämpfen muss.

Auch seine spitzen Bemerkungen und die Kriegstreiberpunkte, die ab Band zwei vergeben werden, sorgen dafür, dass es unglaublich viel Spaß macht der Handlung zu folgen und tragen mit dazu bei, dass diese Reihe nicht nur für Kindern, sondern auch für Erwachsene interessant ist.

Ich jedenfalls kann gar nicht genug von den Abenteuern im Magisterium bekommen und warte gespannt auf Band vier der Reihe.

Bisher in der Reihe Magisterium erschienen

Band vier und fünf werden vermutlich „Die silberne Maske“ und „Der goldene Junge“ heißen. Band vier erscheint noch 2017 auf Englisch. Eine Deutsche Ausgabe ist noch nicht angekündigt worden.


Magisterium: Der Weg ins Labyrinth wurde mir als Rezensionsexemplar von Bastei Lübbe zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Terranauten: „Nichts rein, nichts raus“ [Hörbuchrezension]

„Nichts rein, nichts raus“, das ist das Motto der zweiten Ecosphere 2 Mission. Nachdem die erste bereits grandios gescheitert ist sind die acht Terranauten, die den zweiten Versuch starten werden, entschlossen zwei Jahre abgeschottet von der übrigen Menschheit in einer Kuppel aus Glas zu überleben um so die größte Studie zum Thema hermetisch abgeriegelte Biosystem und Gruppenverhalten zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Wenn da nicht die Sache mit Dawn und Ramsey wäre…

Das Hörbuch zu T.C. Boyles Die Terranauten.

Was wäre, wenn man ein riesiges Gewächshaus mitten in die Wüste bauen, dort einen künstlichen Dschungel, Felder und einen Ozean anlegen würde und in diesen acht Menschen für zwei Jahre einsperren würde? Wie würde sich die Umwelt in der Kuppel verändern? Und viel spannender: Wie würden sich die Menschen verändern? Genau dieser Frage will ein Team von Forschern nachgehen und suchen daher nach freiwilligen Wissenschaftlern, die sich genau diesem Experiment stellen wollen.

Dabei müssen die Wissenschaftler nur mit dem auskommen, was ihnen in der Kuppel zur Verfügung steht. Dies bedeutet aber auch: Wenn die Ernte schlecht ausfällt muss die kleine Gruppe hungern und wenn die Pflanzen zu wenig Sauerstoff produzieren, weil das Wetter außerhalb der Kuppel schlecht ist, dann gibt es eben weniger Atemluft. Auch die medizinische Versorgung muss selbst geleistet werden und dies scheint soweit okay zu sein, bis eine der Terranautinnen schwanger wird und dadurch nicht nur das Experiment, sondern die ganze Gruppe in Gefahr bringt.

T.C. Boyles Roman meisterlich erzählt

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von T.C. Boyle aus dem Jahre 2016, bringt der Hörverlag nun eine gekürzte Lesung von Die Terranauten heraus. Dabei bedienen sie sich des gleichen Tricks, der auch schon Boyles Roman so überaus spannend macht: Sie lassen die Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählen.

Konkret sind dies Dawn Chapman, die Terranautin, die die Presse liebt, gelesen von Eli Wasserscheid, Ramsey, der draufgängerische Terranaut, gesprochen von August Diehl, und Linda, Dawns beste Freundin, die es nicht in die Kuppel geschafft hat, verkörpert durch Ulrike C. Tscharre. Alle drei Sprecher haben gemein, dass sie sehr klare Stimmen haben, denen man gut folgen kann, die aber vor allem die Figur durch ihre Stimme beleben und dadurch dafür sorgen, dass ein wahres Kopfkino entsteht. Dies mag unter anderem daran liegen, dass gleich zwei der Sprecher bereits einige Hörbücher aufgenommen haben, aber mehr noch daran, dass sie eben gute Schauspieler sind, die genau wissen wie wichtig es ist auch mit der Stimme Emotionen hervorzurufen.

Wie so oft bei Hörbüchern kommt es jedoch nicht nur auf die Stimmen an, sondern vor allem auf den Inhalt und der hat es wirklich in sich. Das Experiment basiert auf ähnlichen Vorhaben von amerikanischen Forschergruppen und man merkt Boyle an, dass er sich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat um ein möglichst gut funktionierendes setting zu schaffe. In dieses binde er die wirklich spannende und emotional stark aufgeladene Handlung ein, die trotz allem im nüchternen Ton eines Berichts erzählt wird Reflektiert und distanziert.

Hierbei werden die Ereignisse teilweise von einem der drei Protagonisten geschildert, ab und zu erfahren wir auch aus allen drei Perspektiven was geschehen ist. Dies ist vor allem immer dann unterhaltsam, wenn Dawn beispielsweise über die Gefühle oder Taten eines der anderen Protagonisten spricht und hier konsequent mit ihrer Einschätzung falsch liegt. Wenn sie zum Beispiel darüber spricht wie gut Linda es verkraftet hat, dass sie nicht für die zweite Mission ausgewählt wurde, während Linda selbst darüber schreibt wie sehr sie Dawn dafür verabscheut, dass sie in die Kuppel darf und sie selbst nicht.

Dieses Spiel mit den Perspektiven ist es, welches diesen Sci-Fi-Roman und das dazugehörige Hörbuch aus der Masse heraushebt. Andererseits ist es genau das, was man von einem Faulkner Award-Gewinner erwarten würde. So oder so handelt es sich um eines der besten Hörbücher, welches ich seit langem gehört habe und welches mich gleich nach seinem Ende dazu gebracht hat es wieder von vorne anzufangen.

Die Terranauten | Der Hörverlag | 2016 | Sci-Fi | 1006 Minuten | Bei Amazon kaufen


Dieses Hörbuch wurde mir vom Hörverlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Moonatics: Wir haben die Erde zerstört, lasst uns auf dem Mond weiterfeiern [Buchrezension]

Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn wir weiter so leben wie wir heute leben? Was wird aus der globalen Erwärmung werden? Wie werden sich Techniken wie Alexa weiterentwickeln? Was wird aus der Menschheit? All diese Fragen versucht Arne Ahlert in seinem ersten Roman Moonatics zu beantworten.

Wie sieht unsere Zukunft aus? Moonatics von Ahlert versucht eine mögliche Zukunft der Erde zu beschreiben. Im Gewand eines Reiseromans.

Wir schreiben das Jahre 2043. Darian ist 42, kommt aus London und fühlt sich, wie fast jeder Mensch seiner Generation – den Millennials – irgendwie verloren. Seit der Veränderung des Golfstroms ist es in Europa schrecklich kalt und um dieser Kälte zu entgehen tut er, was fast jeder Mensch tut, er reist um die Welt, arbeitet als freiberuflicher Webseitenentwickler und fühlt sich nirgendwo richtig zu Hause. Seine Hippie-Mutter, die nach Indien ausgewandert ist und sein abwesender Vater, dessen Namen Darian noch nicht einmal kennt, sind dabei keine wirkliche Hilfe.

Bis er eines Tages einen Brief von seinem Vater erhält oder vielmehr von seinem Anwalt, der Darians Leben auf einen Schlag verändert, denn plötzlich ist er reich. So reich, dass er sich eine Reise zum ultimativen Urlaubsziel leisten kann: Levania. Das Hotel auf dem Mond, in welches sich die reichen und berühmten zurückziehen. Das Hotel am Ende des Mondes, in dem man, wenn man es sich leisten kann, in aller Ruhe Ausflüge über den Mond unternehmen kann ohne von den Chinesen gestört zu werden.

Drei Wochen lang soll dies Darians Wahlheimat sein, bevor es zurück zu Erde geht. Doch Levania, welches immer eine große Party zu sein scheint, die von Industriemagnaten, Ex-Terroristen und den sogenannten Monnatics gleichermaßen besucht wird, übt eine immer größere Wirkung auf ihn aus. Und dann ist da noch die Sache mit der Steuerfahndung, die Darian die Entscheidung – auf dem Mond bleiben oder zur Erde zurückkehren – sehr viel einfacher zu machen scheint.

Konzeptbuch ohne wirkliche Handlung: PARTY!

Was soll ich sagen, was Moonatics wirklich gut kann und es im Vergleich zu vielen Sci-Fi-Büchern wirklich hervorhebt ist die Detailversessenheit von Ahlert. Er beschreibt eine potenzielle Zukunft, die sich im Angesicht unserer Gegenwart gar nicht so falsch anfühlt. Apple bietet seinen Anhängern mittlerweile auf der ganzen Erde gleich aussehende Zimmer, die nach einem Netflix-Model es dem jeweiligen Abonnenten ermöglichen überall auf der Erde zu wohnen. Die Google-Glasses haben sich durchgesetzt, dafür aber eine Kontaktlinse, die Informationen aus dem Internet heraussuchen kann. China ist die wichtigste Weltmacht und Roboter haben sich so weit weiterentwickelt, dass man von wirklicher künstlicher Intelligenz sprechen kann.

Besonders die Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt und mögliche Folgen – Klimaerwärmung, verseuchte Meere, Müllberge und so weiter – wurden von Ahlert sorgfältig recherchiert und in seine Handlung eingebunden. Oder viel mehr in das sogenannte setting, denn nichtsdestotrotz muss man sich fragen ob dieses Buch eine wirkliche Handlung besitzt.

Auf beinahe 600 Seiten lässt Ahlert seinen Protagonisten von einer krassen Party zur nächsten eilen. Immer mit dabei: pseudo-philosophische Diskussionen, viel zu viel Alkohol, Gras und die über alles schwebende Gefahr, dass irgendein Trottel vollkommen high ohne Raumanzug durch die Luftschleuse auf den Mond rennt. Was dann im Laufe des Buches ein paar Mal passiert und von den wirklich sehr abgestumpften Figuren hingenommen wird. „The show musst go on.“, oder viel mehr die Party, denn wenn man schon weiß, dass der Menschheit nur noch ein paar gute Jahre bevorstehen werden, warum sollte man sich dann um das Problem kümmern, wenn man auch stattdessen feiern könnte, als gäbe es kein Morgen mehr?

Bittere Aussichten für die Menschheit

Ahlerts Version einer Mond-Hippie-Kommune ist alles andere als berauschend. Die Zukunft die er zeigt besteht nicht nur aus faszinierenden Fragen danach, wie sich unsere Technik weiterentwickelt und mit ihr der Mensch, es besteht vor allem darin aufzuzeigen, dass jeder Mensch der Generation-Y und der Millenials als Erwachsene keinerlei Verantwortungsbewusstsein entwickelt haben. Stattdessen stehen Party, Party und noch mal Partys an erster Stelle.

Klar ab und an geht es darum ob man nicht ein neues Paradies auf dem Mond erschaffen könnte, alles in allem bleibt Ahlerts Roman jedoch flach und langweilig. Nachdem das setting über beinahe 200 Seiten aufgebaut wurde, erwartet man, dass nun endlich eine Handlung beginnen wird. Und nein, dabei reicht es nicht Darian auf eine neue Party zu schicken oder einen Golfplatz auf dem Mond zu konstruieren, sondern eine wirkliche Handlung, bei der Dinge geschehen oder zumindest bedeutungsschwangere Diskussionen geführt werden.

Stattdessen läuft der Roman auf ein fast schon absurdes, tarantinoartiges Ende zu, bei dem sich die Ereignisse plötzlich überstürzen, parallele Welten auftauchen und irgendwie Mord zur Abendunterhaltung wird.

Moonatics | Arne Ahlert | Sci-Fi | 2016 | Heyne | Bei Amazon bestellen


Moonatics wurde mir vom Heyne-Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst

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Ein Meer aus Tinte und Gold: Wo Schrift zu Magie wird [Buchrezension]

Stell dir vor, du lebst in einer Welt ohne Bücher. Geschichten können nur Jahrhunderte überdauern, wenn sie weitererzählt werden und wessen Leben keine spannende Geschichte beinhaltet, der gerät in Vergessenheit. Genau in dieser Welt lebt Sefia, doch sie hat ein Geheimnis. Das seltsame rechteckige Ding, was sie mit sich herumträgt, und welches nicht nur für den Tod ihrer Eltern verantwortlich ist, sondern ihre komplette Welt verändern könnte.

Ein Meer aus Tinte und Gold: Jugendbuch von Traci Chee über eine magische Welt ohne Bücher und eine Leserin mit einem magischen Buch.

Ein Meer aus Tinte und Gold ist der erste Band der Das Buch von Kelanna-Reihe, oder wie sie im Englischen heißt The Reader. In ihr Debüroman erdenkt Traci Chee eine Welt in der die weite Öffentlichkeit ohne Buchstaben und Wörter auskommen muss, während eine geheime Gesellschaft der Lesenden Schrift nicht nur verwenden könne um Geschichten niederzuschreiben, sondern mit ihr Magie bewirken kann.

Sefia hingegen weiß nichts von dieser Gesellschaft oder was es mit dem Buch, welches sie unter allen Umständen schützen soll auf sich hat. Ihre Eltern haben ihr zwar heimlich das Lesen beigebracht, doch seit sie vor einigen Jahren ermordet wurden, ist sie selbst auf der Flucht, ohne dass sie jemals erfahren hat wovor. Nur ihre Tante Nin steht ihr zur Seite, bis sie von unheimlichen Gestalten entführt wird und Sefia mit ihren 15 Jahren plötzlich auf sich alleine gestellt ist. Zumindest bis sie auf Archer, den stummen Jäger trift.

Gleichzeitig ist dies aber auch das Buch von Lon, der von seinen Eltern zurückgelassen wurde und nun zum Leser ausgebildet wird. Den Lesen bedeutet nicht die seltsamen Zeichen zu entziffern, sondern die Wörter zu verstehen und ihre Magie für sich selbst nutzbar zu machen.

Ein Liebesbrief an Bücher

Vor allem anderen ist Ein Meer aus Tinte und Gold jedoch ein Liebesbrief an Bücher und das Lesen selbst. Es spielt mit Worten, Formatierungen und dem Wechsel verschiedener Perspektiven. Überall verstecken sich kleine Rätsel im Buch. Buchstaben sind plötzlich gefettet oder es finden sich geheime Wörter, die über mehrere Seiten hinweg einen Text entstehen lassen.

Auch sind einige der Seiten so angefertigt worden, dass sie wirken als würden sie aus einem anderen, älteren Buch stammen. Oder die Protagonistin versucht Erinnerungen zu vergessen, so dass plötzlich Textpassagen geschwärzt werden und somit verschwinden.

Abgesehen von den Formatierungen, fragt Ein Meer aus Tinte und Gold immer wieder was für eine Bedeutung Bücher haben. Wozu sind sie da? Welche Auswirkungen haben sie auf eine Gesellschaft?

Wörter als Magie

Zeichen und Wörter mit Magie gleichzusetzen taucht mittlerweile in recht vielen Büchern auf. Eines der prominentesten Beispiele der jüngsten Jahre ist sicherlich Rainbow Rowells Carry On. Auch ein Buch im Buch, welches mit Formatierungen spielt ist vor kurzem mit S. von J.J. Abrams (ja, der Regisseur) erschienen. Auf dieser Ebene kann man Chee sicherlich vorwerfen, dass sie mit relativ bekannten Mitteln an das Thema herangeht.

Dennoch erfolgt ihre Umsetzung auf höchst beachtliche Art und Weise. Eigentlich müsste man das Buch nachdem man es ausgelesen hat, direkt wieder von vorne anfangen um alle Referenzen, die das Buch auf sich selbst setzt, zu verstehen. Auch die Welt von Sefia wirkt klug durchdacht und funktioniert anders als Beispielsweise Bradbury’s Welt in Fahrenheit 451 nicht nach der Prämisse der Auslöschung von Büchern, sondern einer in der nie die Schrift entwickelt wurde. Geschichten können in Bildern dargestellt werden oder in gesprochenen Wörtern. Es ist keine Dystopie die aufgezeigt wird und keine rein magische Welt, die wir betreten. Vielmehr entführt Chee den Leser in eine Welt in der eine neue Wertschöpfung für Bücher als gebundenes Werk in einer digitalen Welt entsteht. Es geh darum das Buch als solches zu feiern und nicht nur als zwingendes Medium für eine Geschichte zu präsentieren.

Zudem verbindet sie dies mit einer wirklich sehr gelungene Geschichte, die Lust auf mehr macht und den Leser mit der Frage zurücklässt: Wann erscheint endlich Band 2?

Ein Meer aus Tinte und Gold | Traci Chee | Carlsen Verlag | 496 Seiten | Bei Amazon kaufen


Ein Meer aus Tinte und Gold wurde mir von Carlsen zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung in keinster Weise beeinflusst.

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Das Echolot: Ein kollektives Tagebuch [Buchrezension]

Das Echolot von Walter Kempowski ist vermutlich eine der beeindruckendsten historisch-kulturwissenschaftlichen Sammlungen, die ich jemals gesehen habe. In diesem vier Bände und 3056 Seiten umspannenden Werk, fasst Kempowski Tagebucheinträge, Berichte, Meldungen und Fotos aus Januar und Februar 1943 zusammen. Hierbei ist es egal ob eine Erinnerung von einer bedeutenden oder unbedeutenden Person stammt. Es geht viel mehr darum Stimmen aus aller Welt zu sammeln um zu zeigen wie Menschen auf der ganzen Welt den Zweiten Weltkrieg, die Schlacht von Stalingrad und die Aktionen der Weißen Rose erlebt haben.

Das Echolot: ein kollektives Tagebuch von Walter Kempowski über Januar und Februar des Jahres 1943

Die Originalausgabe des Echolot wurde bereits 1993 veröffentlicht und stellt nur einen Teil des insgesamt zehn Bände umfassenden Werkes dar. Hierin befasst sich Kempowski ebenfalls mit den Jahren 1941 und 1945. In der Neuauflage, die 2016 im Penguin Verlag erschienen ist, finden sich nun die vier Bände des Jahres 1943 in einer Taschnbuchausgabe passend zu jenen, die bereits bei btb erschienen sind.

Wie auch in der Originalausgabe handelt es sich um eine Sammlung von Notizen, Meldungen und Tagebucheinträgen, die unkommentiert bleiben. Sie wurden lediglich zum besseren Verständnis allesamt in eine Sprache übersetzt. Und dies ist auch einer der Gedanken hinter Kempowskis Projekt: Verständnis. Es ging ihm nicht nur darum zu bewahren wie Menschen den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, sondern darum zu zeigen, dass Menschen auf der ganzen Welt den Krieg in ähnlicher Art und Weise erlebt haben. Er selbst schreibt dazu in der Einleitung des Echolots:

„An einem Winterabend des Jahres 1950 wurde ich in Bautzen über den Gefängnishof geführt, und da hörte ich ein eigenartiges Summen, Der Polizist sagte: ‚Das sind Ihre Kameraden in den Zellen, die erzählen was.‘ Ich begriff in diesem Augenblick, daß [!sic] aus dem Gefängnis nun schon seit Jahren ein babylonischer Chorus ausgesendet wurde, ohne daß [!sic] ihn jemand wahrgenommen […] hätte […]. […] Die Stimmen der Häftlinge in Bautzen können wir nicht zurückholen, sie sind verweht, und die Toten behalten ihre letzten Erfahrungen für sich, aber ihre überall deponierten Mitteilungen können wir aufnehmen und entschlüsseln, darauf dürfen wir nicht verzichten.“

Dieser „babylonische Chorus“ ist es, den er entschlüsseln möchte. Wie haben Menschen über den Krieg geschrieben? Was haben sie in ihrer Sprache über ihn gesagt, während sie überall auf der Welt warteten, dass er vorbeigehen würde oder an der Front kämpften?

Gleichzeitig möchte er, wie wir in der Einleitung erfahren, ein Bild festhalten. Einen Moment, der vorbeigeht ohne, dass wir ihn je zurückholen können. In Jahren werden alle, die sich an den Zweiten Weltkrieg erinnern können, gestorben sein. Historiker werden dann rätseln können, wie es war in jener Zeit zu leben. Wie es sich angefühlt haben muss Flyer der Weißen Rose zu finden oder einen ganz normalem Alltag nachzugehen, während die Welt um einen herum auseinander fiel. Trotz allem wurden in jener Zeit Kinder geboren, Paare heirateten und Freunde verabredeten sich.

Die Einträge zeigen uns fast schon ein sonderbares Bild der Vergangenheit. So wird in Band 1 über zwei Seiten hinweg das Programm der Hamburger Oper zusammengefasst. Frei nach dem Motto The show must go on, während noch einen Eintrag zuvor ein Wärter eines Straflagers aus Norwegen über Massengräber und Tod berichtet. Es ist ein unangenehmes Bild der Vergangenheit, welches wir nicht erwarten. Doch natürlich gingen in jenen Tagen, in denen viele sich mit Tod, Verfolgung und Grausamkeit auseinander setzen mussten, noch viele ihrem normalem Alltag nach. Einem Alltag, der hinter allen historischen Ereignissen in Vergessenheit gerät, weil er für uns im Vergleich zur „Geschichte“ unwichtig erscheint. Und dennoch sagen uns diese kleinen Einträge des Alltags viel mehr über jene Zeit, als die Steifen Tagebucheinträge großer Persönlichkeiten, die schrieben, weil sie wussten, dass jemand ihre Texte vermutlich lesen würde.

Das Echolot: Unkommentierte Tagebuchsammlung. Segen oder Fluch?

Es sind die Stimmen, die niemals in einer Dokumentation zu hören wären, weil sie zu bedeutungslose Worte von sich geben, die diese Sammlung erst richtig spannend macht. Gleichzeitig ist genau diese Detailversessenheit das, was Das Echolot zu einem solch anstrengenden Werk macht. Es braucht gut 70 Seiten, bis Tag eins abgehandelt ist, an dem weit weniger passiert ist, als man es vielleicht von dem Start eines neuen Jahres erwarten würde. Immer wieder wird man mit zusammenhanglosen Auflistungen von Einkaufslisten, Spielplänen und ähnlichem konfrontiert.

Zwar sind dies Details des täglichen Lebens, doch beginnt man sich zu fragen ob jemand, der nicht in jener Zeit gelebt hat, nicht häufiger mit einer kommentierten Fassung mehr anfangen könnte. Kleine Zusammenfassungen am Beginn eines jeden Tages, die beschreiben welche Ereignisse an diesem Tag stattfanden, würden dem Leser Orientierung geben. Es würde dazu betragen, dass aus einer Blättersammlung ein Text entsteht, der zur Einordnung von Ereignissen beiträgt. So bleibt es dem Leser überlassen sich selbst zu informieren was an jenen Tagen geschehen ist und wer die Personen sind, die hier Tagebuch führen. Denn auch wenn Namen wie Thomas Mann oder Joseph Goebbels natürlich zugeordnet werden können, so ist vielleicht nicht unbedingt jedem Leser der Name Willi Graf ein Begriff.

Bei der Arbeit, die in dieses Projekt ohnehin geflossen sein muss – Kempowski hat Jahrzehnte mit der Sammlung von Quellen zugebracht – fragt man sich, weshalb er nicht sein Wissen an Leser weitergeben hat. Ist es nicht die Aufgabe eines Historikers dafür zu sorgen, dass historische Quellen zugänglich und verständlich gemacht werden?

Vermutlich entsteht dieser Eindruck nur, wenn man die Texte versucht aus einer Laienperspektive zu betrachten. Walter Kempowski hat Das Echolot nicht einfach zusammengetragen um Menschen einen einfacheren Zugang zur Vergangenheit zu geben. Er will die Einträge nicht durch eigenen Interpretationen verfälschen. Sie sollen für sich stehen und so gehört das Spielprogramm der Oper eben genauso zu einem vollständigen Bild, wie der Tagebucheintrages eine Willi Graf, der über alltägliche Gespräche schreibt, bevor sie zu einem historischen Ereignis werden.

In der Wissenschaft gibt es kein gut oder schlecht

Ein Werk wie Das Echolot lässt sich nicht so einfach bewerten wie einen Roman. Es gibt kein gut oder schlecht geschrieben. Man kann über das Layout diskutieren, aber auch dies nur bis zu einem bestimmten Grad. Die Gestaltung nimmt sich so weit wie möglich zurück um dem Inhalt Platz zu geben. Genau dies ist es, was man von einem solchen Werk erwartet. Es soll nicht künstlerisch wirken, sondern einem dokumentarischem Zweck dienen.

Wie im oberen Teil bereits ausgeführt gibt es viele Argumente, die für und gegen eine kommentierte Ausgabe sprechen. Ich finde es in der Tat Schade, dass ein Werk, welches bei einem nicht-wissenschaftlichen Verlag erschienen ist, keine weitere Kommentierung nach dem Tod des Autors – Kempowski starb 2007 – vorgenommen hat. Dann wiederum wäre es natürlich diese Veränderung, die seiner Intention zuwiderhandeln würde.

Walter Kempowskis Das Echolot muss also vielmehr wie ein eigenständiges Kunstprojekt behandelt werden. Und somit wird es für jeden Betrachter zu dem, was er selbst daraus machen möchte. Es wird zu einer Sammlung, die Raum für Interpretationen lässt und deren Kernzielgruppe ohnehin Geisteswissenschaftler sein dürfte, die sich mit der Materie befassen.

Das Echolot | Penguin Verlag | 3056 Seiten | 2016 | Bei Amazon kaufen


Dieses Buch wurde mir vom Penguin Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.