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Eden Summer: Ein Buch des Dramas [Buchreview]

Jess‘ Leben ist schon kompliziert genug, als ihre beste Freundin Eden plötzlich verschwindet und sie die einzige ist, die daran glaubt, dass Eden noch lebend gefunden werden kann. nach allem was mit Iona passiert ist kann Edens Familie wohl kaum noch ein weiteres Unglück überstehen.

Das Jugendbuch Eden Summer von Liz Flanagan.

Eden Summer ist der erste Roman von Liz Flanagan. Das Jugendbuch rund um die Oberschülerin Jess folgt den Ereignissen rund um Edens Verschwinden und Jess‘ verzweifelter Suche nach ihrer besten Freundin. Gleichzeitig erzählt Jess jedoch auch von den schlimmen Dingen, die ihr zugestoßen sind und dem zurückgliegenden Sommer, der Eden für immer geprägt hat.

Dabei schafft es Flanagan gleichzeitig eine gewisse Grundspannung aufzubauen und diese zugleich durch übertriebene Dramatik zu zerstören. Es reicht nicht aus, dass Jess ein Trauma hat, nein ihre beste Freundin braucht ein zusätzliches und mit Iona stimmt auch irgendwas nicht. Selbst Liam, Edens Freund, scheint irgendwie belastet zu sein. In dieses Mischmasch aus überdramatischen Ereignissen – die jeder Grey’s Anatomy-Folge Konkurrenz machen würden – wird dann auch noch eine sonderbare Liebesgeschichte und eine sehr merkwürdige Szene mit einer Wahrsagerin geworfen, die absolut unrelevant für die komplette restliche Handlung ist und niemals wirklich aufgeklärt wird. Zusätzlich gibt es Angststörungen, Menschen, die das Haus nicht verlassen, Berührungsängste, Alkoholmissbrauch und sonderbare Dokumente.

Solide geschriebenes Buch für alle, die auf Drama stehen

Bitte nicht falsch verstehen, dieses Buch ist immer noch sehr gut geschrieben und hat einen Spanungsbogen, der den Leser langsam in seinen Bann zieht und der immer wieder die Frage aufwirft, was denn nun eigentlich vorgefallen ist und ob Eden wieder auftauchen wird. Stellenweise fiebert man sogar mit den Figuren mit, bis einem klar wird, dass die komplette Handlung sich mehr oder weniger an einem Tag ereignet und an diesem nicht nur sämtliche schockierenden Familiengeheimnisse entlüftet werden, ein Mädchen verschwindet und Jess nebenbei ihr eigenes Trauma überwinden und sich über ihre romantischen Gefühle einig werden muss.

Wäre Eden verschwunden, nachdem Iona gestorben ist, wäre dies eine vollkommen ausreichende Handlung gewesen. Hätte Jess darüber hinaus ein Trauma gehabt, wäre dies vielleicht auch noch in Ordnung gewesen. Das Mädchen, dass trotz ihrer Angststörung hinausgeht in die Welt um ihre beste Freundin zu finden, während niemand mehr an sie glaubt.

Aber die komplette Hintergrundgeschichte zu Jess ist einfach etwas zu überdramatisch, die Liebesgeschichte ist vollkommen fehl am Platz und auch die Hintergrundgeschichte zu Iona wirkt eher etwas zu übertrieben. Manchmal ist weniger mehr und lässt einen beim Lesen nicht denken: „Nun lass es endlich vorbei sein.“

Dennoch möchte ich noch einmal betonen, dass es sich um ein Buch handelt, dem ich drei von fünf Sternen gebe, denn es ist eben nicht absurd schlecht geschrieben, sondern ganz im Gegenteil sogar recht gut. Auch ist das Buch interessant, wenn auch zu sehr angereichert mit dem kompletten Drama der ganzen Menschheit.

Eden Summer | Liz Flanagan | Aladin | 2017 | 368 Seiten | Bei Amazon kaufen


Dieses Buch wurde mir von Aladin (Carlsen) zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Breath of the Wild: 100% Liebe [Videospielrezension]

Breath of the wild ist eines der besten Videospiele, welches jemals gemacht wurde. Punkt. Geht es euch kaufen. Ausrufezeichen. Genau so klingt genau jede Rezension, die man zu Nintendos neuem Titel Breath of the Wild, der zeitgleich für die Wii U und die neu erschienen Nintendo Switch erschienen ist, liest. Aber ist das Spiel wirklich so fantastisch wie alle sagen? Ein Blick auf Breath of the Wild nach 80 Stunden Spielzeit.

Endlich geht es mit The Legend of Zelda auf der Nintendo Switch mit Breath of the Wild weiter.

Screenshot aus Breath of the Wild von Nintendo

Breath of the Wild beginnt in einem Schrein, indem der Held – Link – nach einem hundertjährigen Schlaf erwacht. Ohne Erinnerungen betritt er ein vollkommen zerstörtes Hyrule. Die Menschen haben dieses Gebiet fast vollständig verlassen, wenn sie das Glück hatten dem alles vernichtenden Krieg zu entgehen. Doch was ist vor hundert Jahren eigentlich geschehen?

Genau so ließe sich grob die Grundhandlung von The Legend of Zelda: Breath of the Wild zusammenfassen. Oder um es kurz zu machen: Link muss wieder einmal Zelda und Hyrule vor Ganon retten. Es ist die Handlung von ungefähr jedem Zelda-Spiel, welches jemals herausgebracht wurde und dennoch ist es nicht einfach ein Klon von Twilight Princess oder Ocarina of Time, sondern es entfaltet seine ganz eigene Welt.

Open World-Spiel mit phänomenalen Gameplay

Allein dadurch, dass das Spiel das erste Open World-Zelda ist, kann es nur anders sein als alle andere Teile. Der Spieler selbst kann bestimmen was er tun möchte. Direkt zum Schloss gehen und versuchen Ganon auszulöschen? Mit dem Pferd tagelang durch Hyrule reiten? Erinnerungen sammeln? Nebenquests erfüllen? Waldgeister unter Steinen hervorziehen? Dem Spieler stehen alle Türen offen und das kann schnell auf die Nerven gehen, den in vielen bereichen gibt es keinerlei Anleitung. Niemand nimmt einen an der Hand und sagt: „Zu diesen Orten musst du reisen um deine Erinnerungen zurück zu bekommen.“ oder gibt uns konkrete Hinweise. Alles muss selber erarbeitet werden. Wer Glück hat und den richtigen NPC zur richtigen Zeit trifft, erfährt wo man hin muss, wie man kocht oder ein Pferd reitet. Man kann natürlich auch einfach ausprobieren was man so alles mit den vielen Knöpfen des Controllers anstellen kann.

Genau dieses macht viele Spieler wahnsinnig, die dann doch daran gewöhnt sind, dass es irgendwo einen roten Pfaden – außerhalb der Haupthandlung, die man in beliebiger Reihenfolge durchlaufen kann – gibt. Es ist aber auch jene Sache, die Breath of the Wild auf eine Stufe zu Spielen wie Mordors Schatten bringt.

Vollkommene Freiheit bedeutet eben genau dies: Die Freiheit alles zu tun und zu erleben, wie es der Held von Hyrule erleben würde. Und dies bedeutet eben auch, dass man zufällig die richtigen Dinge in einen Kochtopf werfen muss um leckeres und vor allem heilendes Essen zu kochen, oder per Zufall einen Ort von einem Foto wiedererkennt. So funktioniert das richtige Leben und wer ein richtiges Abenteuer erleben möchte, der muss eben auch nach Schreinen suchen und bekommt nicht einfach einen fetten leuchtenden Punkt auf einer Karte angezeigt.

Obwohl, um fair zu sein, muss man natürlich zugeben, dass das Spiel die Spieler nicht vollkommen hilflos zurücklässt. Die bereiche der Haupthandlung werden auf der Karte angezeigt und in wenigen Gesprächen findet man zumindest heraus wie man sich gegen die Kält oder Hitze schützt. Ansonsten kann man sich darüber freuen auf wie viele verschiedene Arten man in Hyrule sterben kann und wie schnell man dazu lernt, dass alle Umwelteinflüsse potenziell tödlich sein können. Ob man beim Klettern abrutscht, ertrinkt, vom Blitz getroffen wird, erfriert, verbrennt oder einfach von einem Gegner – und sei er einfach eine Ziege, die man ärgert – besiegt wird, die ganze Welt kann eine potenzielle Todesfalle sein. Und ja, so ist das Leben nun einmal, wenn man versucht im Gewitter einen Berg zu erklimmen oder in einem dünnen Shirt durch den Schnee stapft.

Tolle Grafik, seltsam viele Tasten und atmosphärische Musik

Viele Menschen mögen den papierartigen look nicht, den die letzten Zelda-Titel und besonders Spiele wie Wind Waker hatten. Statt 3D-Animation, die „echte Welt“ schreit, spielt die Reihe schon seit längerem mit einem Stil, der eher versucht wie ein Bilderbuch zu wirken. Persönlich finde ich genau dies sehr, sehr schön, denn das Spiel erzählt eine Geschichte – ein Märchen, wenn man so möchte –, welches durch die gängige 3D-Animation mit highend-Texturen schnell wie jedes andere open World-Fantasy-Spiel wirken würde und nach wenigen Jahren veraltet wirkt.

Stattdessen wagt Nintendo etwas anderes und gibt Breath of the Wild einen Stil, der malerische Landschaften – nun ja – wie gemalt aussehen lässt. Dies erschafft wunderschöne Bildwelten, die man stundenlang betrachten möchte. Einziger Wermutstropfen: Manchmal sind die Animationen nicht ganz auf den Punkt. So greift Link beim Klettern in die Luft.

Auch an die vielen Tasten, die gleichzeitig im Kampf gedrückt werden müssen, wirken im ersten Moment etwas zu kompliziert. Ja, der neue Nintendo Switch Controller hat 18 Tasten, aber müssen sie wirklich alle bei einem Spiel eingesetzt werden? Zudem sind die beiden Joysticks, die auf unterschiedlichen Höhen des Controllers liegen, nicht ganz optimal platziert, aber dafür kann das Spiel ja nichts.

Wenn man sich auf etwas bei Zelda verlassen kann, dann sind es Hühner und Krüge. Und natürlich auch der wirklich sehr gute Soundtrack. In diesem Fall stammt die Musik von Manaka Kataoka, der auch schon den Soundtrack für The Legend of Zelda: Spirit Tracks und Animal Crossing: New Leaf lieferte. Egal in welcher Situation, die Geräusche und Lieder passen perfekt zur Stimmung. Mal schicken die Lieder den Spieler auf die Reise in eine friedlichere Zeit, mal warnen sie ihn vor drohender Gefahr. Dabei werden altbekannte Lieder wie Zeldas Wiegenlied wieder aufgegriffen und subtil erneuert.

Zu recht gehypt?

Es ist vollkommen verständlich, dass Breath of the Wild solch fantastische Rezensionen bekommen hat. Die Grafik und der Sound sind unglaublich beeindruckend. Die komplette Atmosphäre des Spiels ist einfach nur toll. Spieler, die die alten Spiele kennen, werden sich über kleine Details – Die Zitadelle der Zeit, Krogs, Impa – freuen können, während neue Spieler ein wirklich großartiges Spiel vorfinden.

Das Gameplay ist nicht unbedingt revolutionär, zeigt jedoch, dass Nintendo vollkommen in der Gegenwart angekommen ist und nicht nur Spiele für Kinder und casual gamer produziert. Persönlich hätte ich mir noch mehr Handlungsszenen gewünscht, aber da ist ja jeder Spieler anderes.

Nach gut 80 Stunden Spielzeit habe ich die Haupthandlung, 3/4 der Schreine, etwa die Hälfte aller Krogs, alle Erinnerungen und einen guten Teil der Nebenquests erledigt. Aber, nach so vielen Stunden ist eben noch genug in Hyrule übrig, was entdeckt werden kann und was ich entdecken möchte. Und im Zweifelsfall kann man einfach mit seinem Pferd in den Sonnenuntergang reiten und die wundervolle Atmosphäre genießen.

The Legend of Zelda: Breath of the Wild ist für Wii U und Nintendo Switch erhältlich (Jetzt bei Amazon kaufen)

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Nach einer wahren Geschichte: Ein Hörbuch über die Wahrheit

Nach und nach fällt es der Autorin Delphine immer schwerer zu schreiben. Bis sie irgendwann nicht einmal mehr eine E-Mail verfassen kann. Nur ihre Freundin L. was von ihrem Geheimnis, ja, sie ist es sogar die Delphine deckt und ihre Texte verfasst, als jene nicht einmal mehr zwei Worte miteinander verbinden kann.

Nach einer wahren Geschichte vn Delphine De Vigan ist einer der besten Roman, die jemals geschrieben wurden und ein wunderbares Hörbuch, welches man lieben muss.

Delphine hat gerade ihren großen Roman veröffentlicht. Die Geschichte ihres Lebens, die sie schnell zu einer der meist gefeiertsten Autoren Frankreichs machst. Doch immer wieder muss sie sich die gleiche Frage anhören: Wie viel aus dem Roman, der auf wahren Begebenheiten basiert, entspricht wirklich der Wahrheit und was wurde hinzugefügt? Gleichsam stellt sie sich die Frage, was sie überhaupt noch als nächstes schreiben soll oder vielmehr schreiben kann, denn im Schatten dieses Romans wird jedes andere Buch keine Chance mehr haben.

Mitten in dieser Sinnkrise trifft sie auf einer Party die überaus beeindruckende L., die schnell zu einem festen Bestandteil von Delphines Leben wird, sie als Freundin unterstützt und ihr gleichzeitig immer wieder die Frage stellt, wann sie denn endlich ein neues Buch verfassen wird.

Es ist auch L., die als erstes bemerkt, dass Delphine nicht mehr schreiben kann und nahe zu in Panik verfällt, wenn sie nur einen Brief beantworten soll. Und somit übernimmt L. nach und nach das Schreiben für Delphine. Und obwohl Delphine ihrer neuen Freundin kaum dankbarer sein könnt, kann sie doch nicht das Gefühl abschütteln, dass mit L. irgendetwas nicht stimmt.

Phänomenaler Roman mit unglaublich guter Erzählstimme

Mit Nach einer wahren Geschichte ist Delphine de Vigan ein wahres Meisterwerk gelungen, welches sich mit zwei großen Fragen der Literatur auseinandersetzt. Zum einen thematisiert der Roman den Roman als solches. Er fragt danach was ein Roman leisten kann, was er über einen Autoren aussagt und vor allem wie viel Wahrheit ein Roman enthalten kann. Selbst bei einem autobiographischen Roman schwingt immer die Perspektive des Autors mit und wird uns niemals ein objektives oder wahres Bild liefern können.

Zum anderen fragt Nach einer wahren Geschichte was überhaupt „wahr“ ist. Wann wird etwas zur Wahrheit oder Wirklichkeit? Wenn genug Menschen an etwas glauben, wird es dann wahr? Und wenn dieses Wahre von einem Autor festgehalten wird, entspricht es dann immer noch der Wahrheit oder wird es lediglich zu einer Geschichte, wie jede andere?

„Selbst wenn es geschehen ist, selbst wenn etwas geschehen ist, was dem gleicht, selbst wenn etwas nachprüfbare Fakten sind, bleibt es immer noch eine Geschichte, die man sich erzählt. Wir spielen uns gegenseitig etwas vor. Und im Grunde ist vielleicht das das Entscheidende.“
– Nach einer wahren Geschichte – Delphine de Vigan

Diese Frage nach der Wahrheit ist es, die die Protagonisten immer wieder in Gesprächen thematisieren. Auch sorgen sie dafür, dass Delphine jene Filme und Bücher, die sie sieht und liest, immer kritischer hinterfragt, denn viel zu viele basieren auf wahren Begebenheiten, ohne dass sie kennzeichnen würden, wo die Fantasie aufhört und die Wahrheit beginnt.

Und so ist es auch sie, die Erzählstimme des Romans – und somit des ungekürzten Hörbuchs –, die uns immer wieder darauf hinweist, dass das, was wir gerade lesen, nur ein Roman ist. Eine Geschichte, die zwar für sich beansprucht Nach einer wahren Geschichte entstanden zu sein und dennoch nur ein Roman ist. Dieser unzuverlässige Erzähler, der uns permanent eine Geschichte als autobiographisch verkaufen möchte nur um dann wieder zu sagen, dass wir ihm auf keinen Fall trauen dürfen, ist es, die diesen Roman zu einem der besten macht, den ich jemals gelesen habe.

Eine Stimme zum verlieben, eine Stimme, der man nicht trauen darf

In der ungekürzten Hörbuchfassung von Randomhouse Audio verleiht die Schauspielerin Martina Gedeck (Nachtzug nach Lissabon, Das Tagebuch der Anne Frank) Delphine ihre Stimme. Ihre sanfte, melancholisch und gleichzeitig kräftige Stimme, lässt direkt das Bild einer fröhlichen Französin entstehen, die durch die Straßen von Paris streift, mit ihren Freunden philosophiert und sich ihrer Macht als Frau durchaus bewusst ist.

Sie entführt den Zuhörer in ihre eigene Welt und dort bleibt ihm nichts anderes übrig, als gebannt an ihren Lippen zu hängen und jedem ihrer Wörter zu lauschen, bis sie ihre Erzählung beendet hat. Dabei bin ich sehr, sehr froh, dass sich der Verlag gegen eine gekürzte Fassung entschieden hat, denn Nach einer wahren Geschichte ist ein Roman, der von jedem noch so winzigen Detail lebt. Eine Geschichte über eine beiläufige Geschichte über einen Fantasiefreund kann schnell dafür sorgen, dass man das komplette Geschehen der Geschichte in Frage stellt. Und dieser eine Nebensatz, der viele Seiten später noch einmal aufgegriffen wird, bekommt plötzlich eine vollkommen neue Bedeutung, wenn man ihn in einem anderen Zusammenhang liest. Und genau diese Überraschungen, die der Roman beinhaltet, werden von Gedecke mal nachdenklich, mal voller Überzeugung nicht nur vorgelesen, sondern mit Leben versehen. Und immer ist es ihr leicht schelmischer Unterton, der uns fragt: „Ist dies alles wahr?“

Nach einer wahren Geschichte | Randomhouse Audio | Hörbuch | 9h 37min | 2016 | Bei Amazon kaufen


Dieses Hörbuch wurde mir von Randomhouse zur Verfügung gestellt. Es hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Das Buch der Wunder: Es gibt keinen Traum, nur unterschiedliche Frequenzen [Buchrezension]

„Es gibt keine Fantasie.
Es gibt keinen Traum.
Alles, was gedacht oder geträumt werden kann, existiert. Nur auf anderen Frequenzen. Du allein bestimmst was aus dem Nebel der Möglichkeiten wirklich auftaucht. […] Es gibt keine Grenzen.“
– Stefan Beuse – Das Buch der Wunder

Der neue Roman von Stefan Beuse Das Buch der Wunder.

Tom und Penny sind die wohl unterschiedlichsten Geschwister, die man sich vorstellen kann. Tom liebt die Wissenschaft und alles, was man durch sie erklären kann. Und in seinen Augen kann man alles durch Wissenschaft erklären. Penny hingegen hofft nicht nur auf Wundern, nein, sie ist überzeugt davon, dass sie sie selbst vollbringen kann. Doch während Tom an seiner Meinung festhält, wirft ihn das von Penny geschriebene Buch der Wunder vollkommen aus der Bahn. Kann das, was sie aufgeschrieben hat, wirklich der Wahrheit entsprechen?

Jahre später ist Tom bei einer Agentur angestellt und ist sich sicher, dass alles, was er als Kind erlebt hat, einem Fiebertraum zuzuschreiben sein muss. Denn das was er gesehen hat, kann niemals der Wirklichkeit entstammen. Auch nicht jener, die Penny für ihn beschrieben hat…

Feinfühlig geschriebener Roman auf der Suche nach der Wirklichkeit

Der Autor und Journalist Stefan Beuse befasst sich in seinem achten Roman hauptsächlich mit der Frage danach was Wirklichkeit eigentlich ist. Kann sie für jeden Menschen gleich sein und wenn nicht, welche Form der Realität entspricht dann der Wahrheit? In philosophischen Gespräche, die als harmloser Dialog zweier Kinder beginnt, versucht Penny ihrem Bruder immer wieder zu beweisen, dass es Wunder gibt, während er mit Hilfe von Wissenschaft Gegenargumente zu finden sucht.

Fein granuliert versucht er nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch den Leser mit un erklärlichen Vorfällen zu konfrontieren nur um danach zu fragen: Und wo ist deine Wissenschaft jetzt?

„Und irgendwann hatte es eine Version der Geschichte gegeben, mit der sie zufrieden war. Das sei jetzt die Wahrheit, hatte sie gesagt, und die Wahrheit dürfe nicht verändert werden.“

Besonders faszinierend hierbei ist die Veränderung die Tom im Laufe des Romans erlebt. Er reift vom Kind zum Jugendlichen zum Erwachsenen heran. Durch Schicksalsschläge und Veränderungen entwickelt er sich weiter und gleichzeitig behält er immer Pennys Fragen im Hinterkopf und mit ihnen die alles umspannende Gewissheit, dass nichts, was im Buch der Wunder steht wahr sein kann und dennoch wahr sein muss. Schließlich hat er den Spiegelsee gesehen. Oder etwa nicht?

Wunderbar!

Der in vier Teile, vier Lebensabschnitte, vier Erkenntnisphasen gegliederte Roman Das Buch der Wunder ist eines der spannendes Werke des Jahres. Mal beschreibt er trocken humorvoll die Vorgänge in einer Werbeagentur – so nah an der Realität, dass viele die Beschreibung für vollkommen übertrieben hinnehmen werden –, dann wird das Innenleben zweier Kinder untersucht, die mit dem plötzlichen Verschwinden ihres Vaters überfordert sind. Immer ist es die gleiche Reflektierende Stimme, die die Handlung voran treibt und die Ereignisse und Vorhersagen miteinander verwebt, bis nicht mehr klar ist ob es sich um ein von langer Hand geplantes Geschehen oder eine zufällige Übereinstimmung handelt.

Wirklich sehr wunderbar ist auch die Gestaltung des Romans, welches den Omnipräsenten Dschungel auch auf dem Umschlag des Romans weiterleben lässt. Wer wirklich etwas finden möchte, was man an diesem Buch bemängeln kann, dann wohl nur, dass das Coverdesign, welches um den Umschlag herumläuft, durch einen sonderbaren blauen Buchrücken unterbrochen wird. Wenn man den unbedingt etwas bemängeln muss.

Das Buch der Wunder | Stefan Beuse | Mairisch Verlag | 2017 | 222 Seiten | Bei Amazon kaufen


Vielen Dank an den Mairisch Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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Angstmädchen: Du kannst ihr nicht entkommen [Buchrezension]

Was wäre, wenn du wüsstest, dass in deiner Badewanne ein Mensch gestorben ist? Nicht vor Wochen, Monaten, Jahren, sondern gerade erst, vor ein paar Tagen? Und wie würdest du dich verhalten, wenn dieser Mensch dich plötzlich heimsuchen würde?

Genau mit diesem Gedanken spielt Angstmädchen der schwedischen Autorin Jenny Milewski. In ihrem Buch zieht Malin in ihr erstes Zimmer im Studentenwohnheim, nur um schnell zu bemerken, dass irgendetwas nicht stimmt. Vermutlich hätte sie Verdacht schöpfen sollen als plötzlich Mitten im Semester ein Zimmer frei wurde und dann auch noch eines mit Badewanne, doch im ersten Moment freut sie sich einfach nur darauf endlich ihre eigenen vier Wände zu bewohnen.

Doch dann häufen sich die sonderbaren Ereignisse: In ihrer Badewanne erscheinen sonderbare schwarze Haare und ständig bilden sich überall Fützen mit Wasser. Als dann auch noch die Küche verwüstet wird, wendet sie sich hilfesuchend an ihre Mitbewohner. Und diese wissen genau, wer hinter dahinter stecken könnte.

Klassische Horrorgeschichte mit guter Erzählstimme

Im Grunde handelt es sich bei Angstmädchen um eine klassische Horrorgeschichte. Ein sonderbarer Ort, merkwürdige Ereignisse, eine Tote, die Rache nehmen möchte und ein Haufen junger Menschen, die versuchen das Probleme alleine zu lösen.

Etwas nervend ist hierbei die Rahmenhandlung, die etwa zehn Jahre nach den Ereignissen spielt und uns verrät, dass Malin definitiv überleben wird, was auch immer passiert. Dies nimmt der Handlung von Anfang an etwas Schwung. Bis auf ein paar Wendungen in der Handlung, mit denen man vielleicht nicht unbedingt rechnen würde, geschieht dann doch einfach das was in jedem Horrorfilm passieren würde: die Ereignisse werden schlimmer, Menschen fangen an der Protagonistin zu glauben, Menschen sterben, zusammen wird versucht auf Geisterjagd zu gehen, der Geist wird wütender, etc.

Dabei beginnt die Handlung relativ vielversprechend und steigert sich nach und nach in einem Maße, bei dem man sich fragen kann ob Malin sich nicht einfach nur ein bisschen zu viele Sorgen macht. Dass danach ungefähr jedes Horror-Klischee erfüllt wird, bedeutet jedoch nicht, dass das Buch nicht spannend ist. Spannend bleibt es bis zum Schluss, denn schließlich lässt uns die Rahmenhandlung darauf hoffen, dass wir hier sehen wie eine gelungene Geisterjagd aussehen kann.

Sonderbare Verkaufsstrategie

Was mich an diesem Buch richtig ärgert ist die Strategie des Heyne Verlags, den ich an sich wirklich sehr sehr gerne mag, dieses Buch offensichtlich nicht verkaufen zu wollen. Warum der Titel von Yuko – dem namen des Geistes – auf so etwas plumpes wie Angstmädchen geändert wurde, kann ich nicht ganz nachvollziehen. „Vorsicht, hier passiert was gruseliges!“, wäre sicherlich weniger offensichtlich gewesen.

Doch das schlimmste ist das Cover, welches so gar nicht in das Programm des Verlags passen möchte, der sonst wirklich sehr schöne Cover hervorbringt. Komplett schwarz gehalten sehen wir nur eine Strähne goldenes Haares. Sowohl inhaltlich macht es keinen Sinn – es tauchen schließlich immer wieder schwarze Haare auf –, als auch äußerlich, den kurzgesagt ist es einfach hässlich. Die lieblose Umschlaggestaltung lässt das Buch billig wirken und setzt den Inhalt auf „irgendwas mit Angst“ herab. Dass es sich hierbei um eine gut erzählte Geschichte handeln könnte, lässt sich nicht aus der Umschlaggestaltung erschließen.

Hätte ich dieses Buch im Laden gesehen, hätte ich es niemals gekauft. Was wirklich Schade ist, denn dieses Buch erzählt eine wirklich bis zur letzten Seite spannende Geschichte, die ich zum Schluss gar nicht mehr aus der Hand legen wollte.

Angstmädchen | Jenny Milewski | 336 Seiten | 2017 | Bei Amazon bestellen


Dieses Buch wurde mir vom Heyne Verlag zur Verfügung gestellt. Nein, es hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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P.S. I still love you: Die Liebe könnte so einfach sein, ist sie aber nicht [Hörbuch]

Lara Jeans Leben ist ganz schön aus den Fugen geraten. Sie und ihr Freund hatten einen riesigen Streit, der unüberwindbar zu sein scheint, ein vermeintliches Sexvideo taucht bei Instagram auf und dann antwortet John, Lara Jeans Kindheitsliebe, auch noch auf den letzten ihrer Liebesbriefe. Ja, in Band zwei der To all the boys I loved before-Reihe geht es hoch her.

P.s. I still love you von Jenny Han ist nun auch als Hörbuch erhältlich.

Nach den Ereignissen aus Band eins – zu denen ihr hier meine Rezension findet – hat sich Lara Jeans Leben nicht wirklich vereinfacht. Ihre geheimen Liebesbriefe, die heimlich von Kitty verschickt wurden, haben Lara Jean nicht nur mit dem Jungen, den sie liebt, zusammen gebracht, sie haben noch viel mehr Chaos angerichtet, als sie abschätzen kann. Denn plötzlich ist ausgerechnet John wieder in ihrem Leben. John, mit dem sie ihren romantischsten Moment erlebt hat. John, den sie heimlich besucht hat um zu sehen wie es ihm geht. John, den sie nicht ansprechen konnte.

Und doch ist es eigentlich Peter, den sie liebt. Oder nicht? Lara Jean muss eine Entscheidung treffen: Will sie mehr von John, als sie sich eingestehen will oder möchte sie um Peters Liebe kämpfen?

Halbzeit für die Liebe

Mit P.S. I still love you geht die Reihe rund um Lara Jean in die zweite Runde und wird mit Always and Forever, Lara Jean ihren Abschluss finden. Nachdem Jenny Han bereits in Band eins eine sehr turbulente Liebesgeschichte mit vielen witzigen Momenten erzählt hat, macht sie mit dieser Grundformel auch im zweiten weiter. Natürlich ist die Geschichte um die Highschool-Schülerin Lara Jean und ihr Liebesleben kein hochtrabendes Epos, aber dass muss es auch gar nicht sein.

Diese zuckersüße Geschichte unterhält auf ihre eigene Art und Weise und wirft uns mitten hinein in den Alltag einer amerikanischen Highschool mit all ihren eigenen Regeln und Verwickelungen. Gleichzeitig geht es im zweiten Band mehr um Lara Jeans Kindheit, ihre Freundschaften und wie sich diese weiterentwickelt haben.

Ein wirklich sehr gelungenes Hörbuch

Untermalt wird diese gut geschilderte Handlung, in die man sich schnell hineinfühlen kann, von Leonie Landa, die bereits für To all the boys I loved before Lara Jean ihre Stimme lieh. Ihre Stimme klingt sanft, nachdenklich, melancholisch und nachdenklich. Gleichzeitig schwankt sie zwischen dem kleinen Mädchen, welches Lara Jean gerne wäre, und der Frau, die sie gerade wird.

Ihre Stimme macht es einfach dem Geschehen nicht nur zu lauschen, sondern vollkommen in es einzutauchen und mitzufiebern. Auch fällt im zweiten Hörbuch weniger stark auf, an welchen Stellen gekürzt wurde. Während in Band eins John vollkommen fehlte, der beim zweiten Hörbuch scheinbar aus dem nichts auftaucht, fallen mir beim hören dieses Mal weniger Szenen auf, die gekürzt wurden. Und das, obwohl es sich wiederum um eine gekürzte Fassung handelt.

Natürlich kann man an dieser Stelle wieder einmal das Vorgehen des Verlags kritisieren, jedoch sind die fehlenden Szenen dieses Mal weniger entscheidend und sorgen eher dafür, dass das Tempo des Buches ein wenig beschleunigt wird, ohne unvollständig zu wirken.

Ein (Hör)Buch, dass Lust auf mehr macht

Ich kann es kaum erwarten in diesem Jahr die Fortsetzung zu P.S. I still love you zu lesen und ich hoffe sehr darauf, dass CBJ Audio sich wieder dafür entscheiden wird eine Hörbuchfassung mit Leonie Landa auf den Markt zu bringen.

Die Reihe im Überblick:


Dieses Hörbuch wurde mir von CBJ als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Nein, dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Odyssee: Gefeierte Übersetzung mit gruseligem Schriftsatz [Buchrezension]

„Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es
Abtrieb vom Wege, seit Trojas heilige Burg er verheerte.“
– Homer – Odyssee – Übersetzung Kurt Steinmann

Kurt Steinmanns gefeierte Ausgabe von Homers Odyssee.

Die Odyssee als solcher bedarf keiner Einleitung. Sie ist so bekannt, dass sie in ein geflügeltes Wort übergegangen ist und gerade so, wie es Odysseus, der Held des Heldengesangs, 20 Jahre brauchte um endlich den Weg zurück zu seiner Frau zu finden, so gibt es scheinbar auch keinen Leser, der diese Erzählung in weniger Jahren durchzulesen vermag.

Gerade diesen Zustand versucht Kurt Steinmann mit seiner Übersetzung zu ändern. Gleichzeitig versucht er sich möglichst nah an den Originaltext zu halten und ihn dennoch in Worten und Satzstrukturen wiederzugeben, die unserer Zeit entsprechen und die es dem Leser dadurch ermöglicht einen Zugang zum ohnehin schon schwierigen Text zu geben. Über dies hinaus bietet die Taschenbuchausgabe von 2016 56 Seiten mit allerhand Erklärungen zu einzelnen Worten, Begriffen und Personen, die das Verständnis weiterhin förder sollen.

Allein für das anfangs genannte Zitat finden sich gleich zwei Erklärungen, die zum einen die altertümliche Verwendung des Wortes wandlungsreich (jemand, der eine Situation zu seinem Vorteil zu wandeln weiß) und zum anderen eine Hilfestellung für die Anspielung auf den Untergang Trojas (es war Odysseus, der das hölzerne Pferd nach Troja schickte) bieten.

All dies kann jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Odyssee weiterhin einer der anspruchsvollsten Texte der Menschheit bleibt, der in seinem eigenwilligen Versmaß fast 400 Seiten umfasst. Aber dies wiederum wird jedem Leser klar sein, der sich auf dieses Werk einlässt. Es erwartet auch niemand Faust an einem Tag durchzulesen und ohne Schwierigkeiten zu verstehen.

Die Odyssee der Weißräume

Woran es dieser Ausgabe jedoch vor allem anderen mangelt, ist ein gut lesbares Layout. Die Zeilen sind fast vollständig an den Rand gequetscht und in einer etwas zu kleinen Schriftart gesetzt. Der einzige vorhandene Weißraum befindet sich jeweils rechts der einzelnen Verse, wenn ein Vers nicht lang genug ist um bis zur Versnummer zu reichen.

Dieses Vorgehen sorgt leider dafür, dass es äußerlich wirklich schön und edel gestaltete Buch, von innen relativ billig wirkt. Es erweckt den Eindruck, dass niemand wirklich darüber nachgedacht hat den hochwertigen Inhalt in eine Form zu bringen, die diesem entspricht. Fast hat man das Gefühl, dass Papier gespart werden sollte. Ein Rand von etwa ein bis zwei Zentimetern hätte sicherlich hier viel retten können und das Buch, welches ohnehin schon etwas wuchtiger ist als viele andere Taschenbücher, nur minimal vergrößert.

Auch die Anmerkungen wären sicherlich nicht im Anhang, sondern als Fußnoten praktischer gewesen, so dass man nicht ununterbrochen damit beschäftigt ist vor und zurück zu blättern, aber dies hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab.

Preiswerte Variante einer sehr gelungenen Übersetzung

Gerade wer die Übersetzung von Johann Heinrich Voß kennt, wird überrascht sein, wie viele Unterschiede es zu dieser neuen Version von Steinmann gibt, die sich Näher an das Original zu halten sucht. Damit nimmt Steinmann, wie bei vielen neueren Übersetzungen klassischer Werke, von der Tradition Abschied ein poetisches Werk vor allem als poetischen Text zu übersetzen, der auch in der Deutschen Fassung ein eigenes Versmaß aufweist, welches Poesie über Textnähe stellt. Dies bringt mit sich, dass der Text nicht unbedingt immer so wohlklingend ist wie es beispielsweise bei Voß der Fall ist, dafür aber weniger Inhalt auslässt und hierdurch Zusammenhänge anders darstellen kann.

Wem es also nur darum geht diese wirklich gelungene neue Übersetzung zu lesen, der ist mit der Taschenbuchausgabe vom deutschen Penguin Verlag sehr gut bedient, da sie eine preislich wirklich gute Alternative zur Erstausgabe vom Manese Verlag darstellt, welche mit 129 Euro nicht unbedingt erschwinglich ist. Hier hingegen ist das Taschenbuch für bereits 12 Euro erhältlich. Dennoch muss man was den Lesekomfort angeht einige Abstriche machen.

Odyssee | 2016 | Penguin Verlag | 445 Seiten | Bei Amazon kaufen


Die Odyssee wurde mir vom Penguin Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.