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Hexensaat – Margaret Atwood erzählt Shakespeare [Review]

Bereits am Montag ist meine erste Rezension zur Buchreihe des Hogarth Shakespeare-Projekts online gegangen. Neben Edward St. Aubyns Neuerzählung von King Lear, über die ich am Montag sprach, geht es heute weiter mit Margaret Atwoods Version von Der Sturm.

Margaret Atwoods Roman Hexensaat, eine Neuinterpretation von Shakespeares Der Sturm.

Wie nicht anders von Atwood zu erwarten ist ihre Version von Der SturmHexensaat alles andere als eine reine Neuinterpretation des Shakespeare Dramas. Ihre Geschichte betrachtet Shakespeares Drama, interpretiert es, inszeniert es neu und das mit einem Protagonisten, der nicht bemerkt, dass er auf seiner eigenen verwunschenen Insel festsitzt.

Hexensaat begleitet den Drehbuch-Autor / Regisseur / Schauspieler Felix, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zunächst seine Frau, seine Tochter und schließlich seine Karriere verliert. Mit seinen Ersparnissen zieht er sich in die Einöde in ein nah zu verlassenes Örtchen zurück, wo er mit dem Geist seiner Tochter Miranda gemeinsam die Zeit an sich vorbeistreichen lässt. Eines Tages liest er von einer freien Stelle als Leiter des Literaturprogramms in einer Haftanstalt und kann gleich den Job ergattern.

Jahr für Jahr interpretiert und inszeniert er mit den Insassen ein Shakespeare-Stück nach dem anderen. Bis sein erbitterter Feind – sein ehemaliger Assistent und Grund für sein abruptes Karriereende – ankündigt die nächste Aufführung ansehen zu wollen. Für Felix die Chance endlich die Fassung von Der Sturm aufzuführen, die er schon immer auf die Bühne bringen wollte.

Die Ebenen des Romans

Hexensaat von Margaret Atwood liest sich beinahe wie eine Romanfassung von Inception. Auf der obersten Ebene befindet sich Felix, der mit den Insassen der Haftanstalt gemeinsam Der Sturm interpretiert. Er legt alle Motive und Themen offen, weist auf Gefängnisse innerhalb des Stücks hin und den Gegensatz von Macht und Machtlosigkeit. Er zeigt wie Shakespeare verschiedene Gesellschaft- und Herrschaftsformen innerhalb des Dramas aufbaut und diese Vergleicht.

Gleichsam schaft Felix – und damit natürlich Atwood – eine Reinterpretation des Sturms durch die Aufführung von Felix Theatergruppe, bei der Ariel zum Superhelden-Alien a là Superman wird und Caliban zum Rapper, der sich selbst befreien kann. Es ist eine vollkommen plumpe Interpretation des Stücks, die viel zu offensichtlich geschieht, als das sie die wirkliche Nacherzählung des Sturms innerhalb von Hexensaat darstellen kann.

Es ist natürlich Felix eigene Wirklichkeit, die unterste Ebene des Romans, die den wahren Sturm beinhaltet. Ein Theaterdirektor, der durch eine nahstehende Person ins Exil getrieben wird und dort mit seinen Geistern gemeinsam leben muss. Nur sein Zauber kann seine Geister dabei am Leben erhalten und wirft dabei die Frage auf wie viel von Prosperos eigener Wahrnehmung auf der Insel der Wirklichkeit entsprach und wie viel nur seinem eigenen Zauber. Gleichsam wie Prospero mit seiner Verbannung kämpft, muss auch Felix mit seinem selbstgewählten Exil leben. Nur seine Kreativität hält ihn am Leben und nur das Wissen, dass seine Tochter Miranda – ein zunächst zufällig gewählter Name, der Felix schnell zum Verhängnis wird – als Geist immer bei ihm sein wird, sorgt dafür, dass er bei Verstand bleibt.

Atwood hält Shakespeare den Spiegel vor

Mit ihrer offensichtlichen Interpretation, ihren Reinterpreation und schließlich der darunter liegenden wirklich Nacherzählung des Sturms – bei der von der Gefängnisleiterin, bis zum hackenden Insassen jede Figur einer Figur aus dem Sturm zugewiesen werden kann – erzählt Atwood eine mutige Romanfassung von Der Sturm. Ihre Figuren wirken allesamt originell und wie von ihr erschaffen, während sie gleichsam von Shakespeares Schatten begleitet werden.

Sie erzählt nicht nur eine Geschichte nach, sie macht sie zu ihrer eigenen und erklärt gleichsam ihren Ursprung. Dieses Vorgehen, verbunden mit der von Atwood zu erwartetenden Intensität der Erzählung und elaborierten Wortwahl, ergibt einen wirklich grandioser Roman der seines gleichen sucht.

Hexensaat | Margaret Atwood | Knaus Verlag | 320 Seiten | Neuinterpretation | 2017 | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Dunbar und seine Töchter – Edward St. Aubyn erzählt Shakespeare [Review]

Das Hogarth Shakespeare-Projekt hat acht Autoren die Aufgabe gestellt seine oder ihre Lieblingsshakespeare-Geschichte neu zu interpretieren. Zu den Autoren gehören Literaturgrößen wie Margaret Atwood und Howard Jacobson. Jeder Roman ist in seinem ganz eigenen Genre entstanden und vor allem in einer ganz eigenen Art der Neuinterpretation.

Ich hatte das Glück gleich vier der Romane vom Knaus-Verlag als Rezensionsexemplare zu erhalten – vielen Dank dafür! – und habe einen genauen Blick unter die Cover geworfen. Den Anfang macht heute Dunbar und seine Töchter von Edward St. Aubyn, bekannt für seine Romane Lost for Words. und Mother’s Milk.

Der Roman Dunbar und seine Töchter von Edward St. Aubyn ist eine moderne Neuerzählung von Shakespeares King Lear.

King Lear neu erzählt: Dunbar und seine Töchter

Dunbar und seine Töchter ist eine moderne Interpretation von Shakespeares King Lear. St. Aubyn versucht dabei den König in die Neuzeit zu übertragen. In seinem Roman ist Lear der Herrscher des Medienkonzerns Dunbar. Doch mit dem Alter wird er immer zerstreuter und wird somit eine Gefahr für sein eigenes Imperium.

Seine beiden Töchter Abby und Megan möchten daher schnell dafür sorgen, dass er auf der nächsten Vorstandssitzung zum Rücktritt gedrängt wird und sie endlich gemeinsam das Geschäft übernehmen können. Und wie könnte dies leichter erwirkt werden als den von Burnout belasteten Vater in ein Rehabilitationszentrum nach England zu schaffen, wo mehrere Ärzte bestätigen, dass der alte Dunbar eine Gefahr für sich selbst und andere darstellt.

Doch mit seiner Sturheit haben die beiden nicht gerechnet, denn Dunbar beschließt kurzerhand mit zwei weiteren Patienten zu fliehen, sich nach London durchzuschlagen und sein Imperium zurückzugewinnen. Leichter gesagt als getan, denn Dunbar ist nicht mehr der jüngste und seine Ärzte haben nicht unbedingt einen Meineid begangen, als sie darauf hinwiesen, dass er auch mental nicht mehr der fitteste ist. Zum Glück begibt sich seine jüngste Tochter Florence auf die Suche nach ihm. Ihr ist nämlich – anders als ihren Schwestern – am Wohl ihres Vaters gelegen.

Wenige Abweichungen zum Original, viele langatmige Monologe

St. Aubyns Version von King Lear ist definitiv eine moderne Nacherzählung. Eine Nacherzählung, die sich bis ins kleinste Detail an das Original hält, bis zu dem Punkt, an dem Dunbar einen Narr – den Komiker Peter – benötigt, der ihm hilft zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Dazu kommen Szenenwechsel, die zwischen Dunbar und seinen drei Töchtern hin und her wechseln. Jeder Protagonist wird somit gleichsam zur Erzählstimme des Romans. Und auch wenn dieses Mittel in einem Theaterstück durchaus angemessen ist, muss nicht jede Figur innerhalb eines Romans seine eigenen Motive erklären. Zumal sich die Motive auch in den Erzählungen der jeweils anderen Figuren spiegeln.

Auch übernimmt St. Aubyn jeden von Lears Monologen und davon gibt es im Originalstück nicht gerade wenige. In der Neuinterpretation wirken diese jedoch nicht wie große Meisterwerke der Literaturgeschichte, sondern wie langatmige Monologe, die sich immer wieder um die Frage drehen ob Dunbar in seinem Leben gescheitert ist. Ebenso wie die Erzählform, wirken auch diese Monologe wie eine schlechte Überführung von Theatermethoden in Romanform. Statt großem Pathos verpufft die Stimmung dadurch in sich im Kreis drehenden Passagen.

Diese beiden Punkte allein zeigen das größte Problem von St. Aubyns Ansatz auf: Drama und Epik sind zwei unterschiedliche Gattungen, die sich nicht eins zu eins übertragen lassen. Wiederholungen und unterschiedliches Erzählstimmen wirken auf einer Bühne natürlich – oder zumindest so natürlich, wie sie im Rahmen eines Kunstobjekts wirken können –, während sie innerhalb eines Romans für Verwirrung sorgen oder gar vollkommen aus dem Rahmen fallen. Ebenso wirken Monologe vor allem im Rahmen des Theaters imposant.

Doch nicht nur der Versuch eine Gattung in eine andere zu übertragen ist zu viel für St. Aubyn, auch das sehr genaue nacherzählen wirkt beinahe unkreativ. Die Geschichte wirkt fast wie ein Schulprojekt, bei dem alle Figuren aus King Lear in Anzüge gesteckt und mit moderner Sprache ausgestattet wurden. Die Dialoge zwischen den Schülern sind nah zu hörbar: „Wir brauchen hier noch einen Narr!“ – „Was ist ein Narr?“ – „Ein Komiker.“ – „Ah, okay.“

Zu nahe Interpretation verdirbt die Interpretation

Genau an dieser zu nahen Interpretation scheitert Dunbar und seine Töchter. Ja, man kann positiv hervorheben, dass sich das Drama und der Roman nebeneinander legen lassen und beinah jede Szene eins zu eins übernommen wurde. Genau dies sollte einen guten Roman-Autor jedoch nicht ausmachen. Eine Interpretation sollte genau das sein: Eine Interpretation. Nicht eine haargenaue Übertragung in die moderne Welt, bei der Methoden des Theaters, Dialoge und Themen ohne eigenen Input übernommen werden.

Dunbar und seine Töchter ist ein einigermaßen okay geschriebener Roman, der an seinem eigenen Anspruch scheitert. Die gewählte Erzählform ist zu langatmig und könnte nur dadurch gerettet werden, dass mindestens die Hälfte aller Dunbar-irrt-in-den-Bergen-umher-und-findet-sich-selbst-Szenen gestrichen werden.

Dunbar und seine Töchter | Edward St. Aubyn | Knaus Verlag | 256-Seiten | Neuinterpretation | 2017 | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Rat der Neun – Oder wie eine Übersetzung ein Buch ruinieren kann [Review]

Es tut mir fast ein wenig Leid, dass es ausgerechnet Veronica Roths gefeierten Roman Rat der Neun: Gezeichnet trifft, aber wir müssen einmal über Übersetzungen sprechen.

Band eins der Rat der Neun-Reihe von Veronica Roth.

Gerade im Young Adult-Bereich kommt es immer wieder vor, dass hochgelobte Romane in der Deutsche Kritik vollkommen durchfallen. Oft hat dies gar nicht so viel mit der Handlung sondern eher mit der Deutschen Gestaltung des Romans zu tun. Angefangen mit dem Cover, welches häufig aus Kostengründen oder anderen rechtlichen Belangen nicht für die Deutsche Version übernommen wird und von einem ansprechenden Cover zu einem – ich weiß gar nicht so recht was ich dazu sagen soll – weniger ansprechenden Cover umgemodelt wird, immer mit der Begründung, dass der Deutsche Markt eben andere Ansprüche stellt als der Amerikanische oder Britische.

Auch veränderte Titel, die plötzlich nichts mehr mit dem gut durchdachten Namen des Originals zu tun haben, können negative Auswirkungen auf die Rezeption eines Buches haben. Hier wäre zum Beispiel die Raven Boys-Reihe zu nennen, deren Deutsche Titel äußerst frei übersetzt wurden.

Aber vor allem der Punkt der Übersetzung ist es, der einen guten Roman zu einem wirklich schlechten werden lässt, denn seinen wir einmal ehrlich, wenn man auf das neuste Buch eines bestimmten Autoren wartet, so wird man es auch mit hässlichem Cover und verhunztem Titel kaufen, aber der Inhalt muss dennoch stimmen.

Und hier schließt sich der Kreis und wir kommen zurück zu meiner eigentlichen Rezension von Rat der Neun, dem ersten Band der Carve the Mark-Reihe von Veronica Roth, bekannt als Autorin von Die Bestimmung.

Moderne Romeo und Julia-Erzählung in kompliziertem Planetensystem

Die Grundhandlung von Rat der Neun liest sich wie eine moderne Interpretation von Romeo und Julia. Zwei verfeindete Familien, ein Paar, dass diese Verfeindung überkommen möchte. Eingebettet ist dies in eine Sci-Fi-Fantasy-Welt in der sie die Schwester eines tyrannischen Herrschers und er das Mitglied eines Volkes ist, welches für seine friedliebende Gesinnung bekannt ist. Beide besitzen besondere Fähigkeiten, die sie zur Unterstützung ihres Bruders und er für das Wohl seines Volkes einsetzen sollen.

Was diesem Buch seinen eigentlichen Reiz verleiht ist sein – zugegebenermaßen – relativ kompliziertes Planetensystem und die diplomatischen Beziehungen, die recht umfangreich geschildert werden, was ein grundsätzlicher Bestandteil des Sci-Fi-Genres ist.

Lost in Translation

All dies wird in der Deutschen Fassung unter vollkommen abstrusen Sätzen vergraben, die sich lesen als würden die Figuren zum ersten Mal in ihrem Leben Feuer sehen oder eine Tür verwenden.

Die Brennsteine im Ofen sahen aus wie schwarze Klumpen, bis sie durch die Reibung aufflammten.
– Rat der Neun – Kapitel 1

Und vielleicht reagiere ich ein wenig zu empfindlich auf das verschieben von Satzteilen aus einem Satz in einen anderen, aber solche Änderungen verändern den Lesefluss und das Erzähltempo erheblich. Genauso wie die Anreicherung von Adjektiven oder das weglassen eben jener, eine durchdachte Satzstruktur aus dem Gleichgewicht bringt. Ja, Deutsch und Englisch sind sehr verschiedene Sprachen. Deutsche Sätze sind länger, haben häufig mehr Nebensätze und wirken dadurch häufig schwerfälliger. Kofferwörter können dafür ganze Sätze in einem Wort zusammenfassen, eine Möglichkeit, die es in der englischen Sprache nicht gibt. Eine Übersetzung ist daher immer eine Überführung einer Sprache in eine andere, wobei keine 1:1-Übersetzung stattfinden kann. SO funktionieren Sprachen nun einmal. Wörter haben eine leicht versetze Bedeutung und kulturell mag noch eine weitere mitschwingen.

Dennoch ist es die Aufgabe des Übersetzers die Stimmung eines Romans einzufangen und die Stimme für eine neue Sprache zu werden. Gerade bei Romanen wie Rat der Neun, der durch seine politischen Verflächtungen und eine Grund auf eigene Weltordnung schwerfällig genug wirkt, muss durch eine gewisse Leichtigkeit der Sprache aufgefangen werden. Leider gelingt dies dem Duo Petra Koob-Pawis und Michaela Link nicht. Die Sätze wirken übermäßig naiv und kompliziert. Der Roman ließt sich als wüssten die Protagonisten ebenso wenig wie die Welt um sie herum funktioniert, wie der Leser, der sie das erste mal betritt. Was für den Leser Sinn ergibt, verfälscht die Erzählstimme soweit, dass sie wirkt, als würde sie nicht zum Roman dazugehören, sondern ihn von außen betrachten.

Bitte im Original zu Genießen

Auch wenn Veronica Roth eher für komplizierte Welten und politische Systeme innerhalb dieser bekannt ist, schafft es die Übersetzung dennoch den Roman noch schwerfälliger wirken zu lassen, als es der 608 Seiten lange Koloss bereits ist. Die Deutsche Version hat mich nur schwerlich in die Handlung hineingezogen und mich leider nicht bis zum Ende durchhalten lassen.

Die Englische Version wirkte hingegen leichter und schneller, was das Tempo angeht. Die Geschichte von Akos und Cyra wird dennoch nicht die große neue Young Adult-Reihe des Jahres werden. Viel wurde Rat der Neun im Vorfeld gehypt und genauso schnell ist der Hype wieder verflogen. Die Geschichte mischt bekannte Elemente – besondere Fähigkeiten; zwei Protagonisten, die durch sich erkennen, dass etwas mit der Gesellschaft nicht stimmt; dystopische Gesellschaft, die auf den ersten Blick perfekt wirkt – zu einem neuen Universum zusammen. Die Themen sind austauschbar und wirken wie ein Setzbaukasten für den perfekten Young Adult-Fantasy-Sci-Fi-Roman. Das Ergebnis bleibt dabei eher mäßig. Die Frage nach dem Stellenwert von Schicksalen und Prophezeiungen wird im zweiten Band der Reihe – bisher nur auf Englisch unter dem Titel The Fates Divide erschienen – weiter aufgegriffen.

Rat der Neun | Veronica Roth | CBT Verlag | 608 Seiten | Sci-Fi / Young Adult | Bei Amazon kaufen

Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Sleeping Beauties: Eine Welt ohne Frauen [Review]

Etwas seltsames geht vor sich. Frauen schlafen ein und wachen nie wieder auf. Und bald schon erreicht Aurora – die Schlafkrankheit – alle Frauen der Welt. Noch scheint es keine Heilung zu geben und niemand weiß wie lange der Zustand anhalten wird…

Sleeping Beauties das neue Buch von Stephan King, nun auch als Hörbuch erhältlich.

Sleeping Beauties ist der neuste Roman von Stephan King, verfasst gemeinsam mit seinem Sohn Owen King. Wieder einmal entführt uns King in eine amerikanische Kleinstadt, die von einem Ausnahmezustand betroffen ist: Die Schlafkrankheit Aurora sorgt dafür, dass einmal eingeschlafene Frauen nicht mehr aufwachen. Viel verheerender ist jedoch die Tatsache, dass sich gleichzeitig ein merkwürdiger Kokon um die Gesichter der Frauen bildet, der nach Entfernung die Frauen zu wilden Bestien macht, die ohne Selbstkontrolle jeden Menschen in ihrer Nähe angreifen. Schon bald rufen die ersten Männer zu einer Hexenjagd auf. Ein Phänomen, welches sich auf der ganzen Welt wiederholt.

Nur einige wenige Frauen schaffen es mit einer Mischung aus Koffein und Aufputschmitteln wach zu bleiben, doch für sie stellt sich die Frage wie lange sie noch gegen gegen den Schlaf kämpfen können. Nur Evie, der sonderbare Neuzugang des Gefängnisses von Dooling, scheint gegen die Krankheit immun zu sein. Ist sie der Schlüssel zur Entwicklung eines Gegenmittels oder muss die Menschheit bald ohne Frauen auskommen?

Ein neuer King übernimmt das Steuer

Stephen Kings Romane zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich sehr schnell zu sehr überraschenden, seltsamen Wendungen entwickeln. Sprechende Schildkröten, Aliens und sonderbare andere Deus Ex Machina gehören definitiv zu seinem Reparatur. Mein füge einen zu große Besetzung, eine Kleinstadt in Maine, zu kurze Kapitel und bizarre Ereignisse ein und voilà, man hat das Grundgerüst eines jeden King-Romans.

Auch Sleeping Beauties weißt viele dieser King-typischen Elemente auf, jedoch sorgt Owen King dafür, dass der Roman plötzlich Erzählmustern folgt, denen man folgen kann und sich der Roman nicht 80% der Zeit wie ein sehr merkwürdiger Drogentrip liest. Zwar lebt auch Sleeping Beautiesvon sonderbar sprechenden Tieren, Parallelwelten und einer seltsamen Mischung aus Fantasie und Realerzählung, jedoch in einer logisch erzählten Geschichte. Für mich ist es das erste Mal, dass ich ein Roman von King wirklich bis zum Ende lesen möchte.

Sleeping Beauties, nicht nur als Buch spannend

Doch nicht nur als Roman macht Sleeping Beauties einiges her. Auch diesen King-Roman hat David Nathan (besser bekannt als Stimme Johnny Depps) als Hörbuch eingelesen. Seine Art Romane vorzutragen sorgt dafür, dass man sich plötzlich mitten in Doolingen wiederfindet und Seite an Seite mit Clint, Frank, Maura und Jared gegen die Schlafkrankheit kämpft. Ein wahres Kopfkino für die Ohren. Auch bei diesem Hörbuch handelt es sich um eine ungekürzte Lesung, die sich über 27 Stunden erstreckt.

Kings bester Roman, Kings schlechtester Roman

Wer bereits andere Rezensionen von mir gelesen hat, weiß, dass ich keinen Hehl daraus mache, dass ich Stephen King für einen wirklich miserablen Geschichtenerzähler halte. Seine Romane sind selten spannend, ziehen sich auf Grund unnötiger Nebenfiguren, die über Seiten hinweg eingeführt werden müssen, wie Kaugummi und wirken so, als würde King mitten beim schreiben einfach irgendwelche Zettel mit zufälligen Ereignissen ziehen. Nichts davon macht mir beim lesen Spaß und keine dieser Eigenschaften sorgt dafür, dass ich auch nur einen seiner Romane gut geschrieben finde, denn auch Struktur und Schreibstil sind Teile eines guten Romans.

Im Vergleich dazu ist Sleeping Beauties absurd strukturiert und durchdeklariert. Von Beginn an werden nur Symbole und Personen eingeführt, die der Geschichte einen Mehrwert bieten. Ja, es sind immer noch viel zu viele Figuren und ja, der Roman hätte ruhig halb so lang sein dürfen, aber er liest sich halbwegs angenehm. Viel dieser Struktur verdankt der Roman sicherlich seinem Co-Autor Owen King und gerade auf Grund dieser Tatsache scheint er von King-Fans gehasst zu werden. Der Streit ob dies vielleicht der schlechteste Roman Kings sei, tobt seit der Erscheinung.

Für mich persönlich ist dies definitiv der beste Roman Kings, den ich bisher lesen durfte. Dies heißt jedoch nicht, dass es ein überaus überragender Roman ist. Die Handlung ist vorhersehbar und recht stumpf und auch David Nathan kann mit seiner phantastischen Stimme nicht mehr aus der Geschichte machen, als vorhanden ist. Währe die Geschichte etwa sieben bis zehn Stunden kürzer gewesen, hätte man den Roman sicherlich sehr viel besser bewerten könne. So landet er bei guten 3 Sternen.

Sleeping Beauties | Stephan King & Owen King | Hörbuch | 27 Std. 41 Min. | Random House Audio | Bei Amazon bestellen


Dieses Hörbuch wurde mir als Rezensionsexemplar von Random House Audio zur Verfügung gestellt. Dies hat nicht meine Meinung als Rezensent beeinflusst.

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Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel – Der französische Sherlock Holmes kommt nach Deutschland [Buchrezension]

Wir schreiben das Jahr 1761, die französische Revolution hat noch nicht stattgefunden, aber man merkt deutlich, dass die Bürger von Paris nicht Zufrieden sind mit ihrem Monarchen. In all diese Turbulenzen wird der junge Nicolas Le Floch geworfen, der gerade seine Studienzeit beendet hat und nun in die Hauptstadt eingeladen wird um einen alten Familienfreund bei seinen Ermittlungen zu unterstützen. Ein Angebot, welches Nicolas etwas zu gut zu sein scheint um wahr zu sein.

Der Kriminalroman Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel.

Mit Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel erscheint Jean-François Parot große Kriminalreihe, die in Frankreich bereits aus vierzehn Bänden und einer Fernsehserie besteht, nun endlich auf Deutsch. Die Reihe begleitet den angehenden Kriminalisten Nicolas Le Floch auf seinen Abenteuern, beginnend in der vorrevolutionären Zeit Frankreichs.

Im ersten Band der Reihe geht es für Nicolas in das schimmernde Paris des Barrock. Umgeben von Prunk und Pracht soll Nicolas das verschwinden eines Kommissares aufklären und wird dabei immer weiter in die Tiefen von Korruption und Verschwörungen hineingezogen, die bis zum Königshaus selbst zu reichen scheinen.

Schnell findet sich Nicolas in einer Situation vor, die treue Gefährten und ein hohes kriminalistisches Gespür verlangt.

Toller Kriminalroman in grandiosem Setting

Die Le Floch-Reihe, die im März bereits fortgesetzt wird, gehört Definitiv zu einer der coolsten Entdeckungen aus 2017. Der Roman ist wirklich gut geschrieben und vor allem historisch wirklich toll recherchiert. Die deutsche Ausgabe ist sehr schön aufbereitet und verfügt neben einer historischen Karte von Paris, auch über einen Glossar, der entscheidende historische Persönlichkeiten und Begrifflichkeiten erklärt.

Auch wenn dieser Roman dafür gesorgt hat, dass ich mich wirklich sehr auf die Fortsetzung freue, ist er für sich gesehen eher ein drei von fünf Sternen Kandidat. An vielen Stellen wirkt der Roman noch etwas unentschlossen, was beim Erstlingswerk eines Romans durchaus passieren kann. Zudem gibt es einige grotesk detaillierte Folterszenen, die von Figuren beschrieben werden, jedoch absolut nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun haben, so dass man sich fragen muss ob es diese Szenen wirklich gebraucht hätte.

SO sehr ich von der Deutschen Aufmachung begeistert bin – vor allem, wenn man einmal das französische Original googlet –, so sehr bin ich von der Nutzlosigkeit der eingefügten Karte enttäuscht, die willkürlich einige Orte markiert hat, jedoch fast alle handlungsentscheidenden Orte einfach weglässt und gerade diese würde ich auf einem solchen Hilfsmittel erwarten.

Nichtsdestotrotz ist Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel ein wirklich guter Kriminalroman und ein spannender Auftakt für eine Reihe, die Großes verspricht.

Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel | Jean-François Parot | 2017 | Blessing | 480 Seiten | Bei Amazon bestellen

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Das Böse kommt auf leisen Sohlen [Buchrezension]

Was würdest du dafür geben wieder jung zu sein? Würdest du deine Seele hergeben? Oder wie wäre es damit ein wenig älter zu sein? Ein wenig zu reifen und diese lästigen Jahre zu überspringen, bis man endlich als Erwachsener wahrgenommen wird? Würdest du deine Familie dafür zurücklassen? Würdest du deinen besten Freund opfern? Was wirst du Mr. Dark geben um dein Ziel zu erreichen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen, ein Jugendroman von Ray Bradbury.

Ray Bradbury – Fahrenheit 415 – entführte uns 1962 in seinem Roman Das Böse kommt auf leisen Sohlen (Something Wicked this way comes) das erste Mal in eine idyllische Kleinstadt, die von einem sonderbaren Jahrmarkt heimgesucht wurde. Nun ist eine neue deutsche Ausgabe mit Illustrationen von Reinhard Kleist veröffentlicht worden, die uns einmal mehr in die Welt von Jim und Will führt.

Der Jahrmarkt des Grauens hält Einzug

Bradburys Roman begleitet die beiden dreizehnjährigen Nachbarjungen Jim und Will, die gar nicht genug Erwachsen werden können um endlich tun und lassen zu können, was sie wollen. Als der Jahrmarkt von Mr. Dark in die Stadt Einzug hält und mit einem Karussell wirbt, welches jeden Mitfahrer verjüngert oder ältern lässt, ist Jim direkt Feuer und Flammen. Allen Warnungen Wills zum Trotz, möchte er unbedingt mit dem Karussell fahren, egal was er dafür geben muss. Hauptsache nicht mehr wie ein kleines Kind behandelt werden.

Auch Wills Vater träumt davon mit dem magischen Karussell zu fahren, denn er fühlt sich viel zu alt und befürchtet, dass Menschen ihn schon bald für den Vater seiner viel jüngeren Frau halten könnten. Da kommt Mr. Darks Angebot wie gerufen.

Doch ein solches Geschenk kommt nicht ohne einen entsprechenden Preis und schon bald müssen Jim und Will erfahren, was es mit dem Jahrmarkt wirklich auf sich hat.

Einer der gruseligsten Romane aller Zeiten

Das Böse kommt auf leisen Sohlen ist mit Abstand einer der gruseligsten Roman, die ich bisher in meinem Leben gelesen habe. Die Atmosphäre des Jugendromans jagt einem einen Schauer über den Rücken. Die Geschichte, in der immer Dunkelheit zu herrschen scheint, beginnt als eine philosophische Diskussion zweier Jungen über den Wunsch langsam Erwachsen zu werden und rutscht schnell in einige der unheimlichsten Ereignisse. Angefangen von Menschen, die sich in sich selbst verirren, Personen, die soweit altern, das sie einfach zu Asche zerfallen, oder Gestalten, die nie wirklich menschlich gewesen sein können.

Noch unheimlicher als diese Ereignisse selbst, ist die Frage ob nicht jeder Mensch einen Preis besitzt. Was ist, wenn wir einen Moment darüber nachdenken, was wir für unseren sehnlichsten Wunsch wirklich aufgeben würden. Wie würde das Ergebnis für jeden einzelnen von uns aussehen und noch viel schlimmer, können wir die Beweggründe der Protagonisten nicht plötzlich nachvollziehen?

Ergänzend zu diesem unheimlich intensiven Roman, der uns vielen unangenehmen Feststellungen gegenüberstellt, kommen die Tuschezeichnungen von Kleist, die die düsteren Ereignisse mit noch dunkleren Bildern versehen.

Die neue Ausgabe von Das Böse kommt auf leisen Sohlen, ist mit ebenso unheimlichen Illustrationen erschienen, wie sein Inhalt.

Bradburys Roman ist nicht sein bestes Werk, stellt jedoch einen wirklich sehr guten Roman dar, der gerade in der Jugendliteratur seines Gleichen sucht. Die Illustrationen sind unglaublich Intensiv und würden einen Kauf dieses Romans um ihrer selbst Willen rechtfertigen. Wer wirklich wissen möchte, wie es sich anfühlt sich zu gruseln, sollte nicht nach dem nächsten King greifen, sondern definitiv Das Böse kommt auf leisen Sohlen in der phantastischen Neuauflage des Aladin Verlags lesen.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen | Ray Bradbury | 1962 (Neuauflage 2017) | Aladin Verlag | 352 Seiten | Bei Amazon bestellen


Dieser Roman wurde mir als journalistische Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Unheimlich Nah – Jugendpsychothriller mit seltsamen Wendungen [Review]

Unheimlich Nah ist der neuste Jugendpsychothriller der deutschen Autorin Doris Bezler, Autorin von Romanen wie Geisterfahrt und Dunkler Zwilling. Ihr neuster Roman zeigt eine hysterische, paranoide Protagonistin, der niemand glaubt als sie beginnt unter Verfolgungswahn zu leiden.

Der Psychothriller Unheimlich Nah von Doris Bezler.

Anna ist 17 und hat gerade ihr Medizinstudium begonnen, als sie von einem Fremden vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen wird. Durch die Hilfe eines Umstehenden überlebt sie dieses Attentat mit einigen Schrammen. Als die Polizei am Tatort eintrift, scheint niemand am Bahnsteig den Angreifer gesehen zu haben und die Polizei nimmt den Fall als versuchten Selbstmord zu den Akten.

Doch Anna weiß, dass da jemand war und sie bemerkt immer wieder, dass jemand sie zu verfolgen scheint. Als auch noch Plakate auftauchen, die unter dem Vorwand einer Blutspendeaktion, nach ihr zu fahnden scheinen, ist sie sich sicher, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat.

Vollkommen paranoide Protagonistin

Wer Unheimlich Nah nicht so ganz ernst nimmt beim lesen kann von der vollkommen paranoiden Protagonistin durchaus unterhalten werden. Anna hat kein Problem daraus aus jeder Person einen potenziellen Feind zu machen. Ihre Stiefmutter, die sie nicht leiden kann, möchte Anna sicherlich los werden. Ihre beste Freundin betreibt sicherlich einen Organhandel und gehört einer muslimischen Terrorgruppe an. Ihr sich liebevoll um sie sorgender großer Bruder will sie sicherlich töten um als Alleinerbe dazustehen und der Junge aus ihrer ehemaligen Schule, der zufällig auf die gleiche Uni geht wie Anna wollte sie sicherlich schon immer Tot sehen.

Diese Suche nach Feindbildern ist das eigentliche Problem unter der Anna leidet, deren Leben durchaus bedroht wird und der sicherlich die Polizei glauben würde, wenn sie nicht alle paar Seiten einen neuen Feind finden würde, die sie teilweise mit den abstrusesten Hintergrundgeschichten ausstattet, die man seit Aviator gesehen hat. Jeder Mensch ist ein potenzieller Angreifer für die sehr hysterische Protagonistin und während dies sehr witzig zu verfolgen ist, fragt man sich dennoch: Wer greift Anna denn nun wirklich an oder bildet sie sich die Angriffe nur ein?

Ein großer Teil von mir hat beim Lesen darauf gehofft, dass es sich um letzteres Handelt und wir eine Geschichte à la Schutter Island geboten bekommen, aber natürlich ist unsere kleine Protagonistin einfach nur überfordert mit ihrer eigenen Situation, während sich eine wirklich langweilige zweite Handlung langsam ausbreitet, bei der es um eine Mutter geht, die einen Organspender für ihre Krebskranke Tochter sucht und die im ersten Moment absolut gar nichts mit Anna zu tun haben scheint. Dann fällt der Groschen und von da an – etwa ab der Hälfte des Romans – ist klar wie diese beiden Handlungen zusammenhängen und vor allem was in Annas Lebe geschieht, auch wenn sie keine Ahnung zu haben scheint, was los ist.

Das ich den Roman von da an noch zu Ende gelesen habe war einzig dem durchaus guten Schreibstil, Annas abstrusen Theorien und meiner Hoffnung, dass es doch noch eine überraschende Wendung geben wird, geschuldet.

Unheimlich nah ein lesenswerter Roman?

Unheimlich nah ist definitiv nicht der schlechteste Roman, den ich in diesem Jahr gelesen habe – oder zumindest angefangen habe –, dennoch ist es auch kein wirklich guter Roman. Die Protagonistin kann überhaupt nicht ernst genommen werden, die zweite Handlung ist nur störend und sorgt nicht dafür, dass der Roman an Fahrt aufnimmt oder spannender wird, im Gegenteil, und wer auf überraschende Wendungen wartet, der ist hier falsch aufgehoben. Lediglich die Pferdeszene hat kurz dafür gesorgt, dass es wirklich spannend wurde, danach muss man sich jedoch wieder frage warum Annas Familie sie nicht in die geschlossene Psychiatrie einliefern lässt, denn das arme Mädchen ist vollkommen instabil und paranoid. Als Protagonistin ist das die Hälfte der Zeit anstrengend und ansonsten relativ unterhaltsam, weshalb Unheimlich nah zwei Sterne für den Versuch einen Psychothriller für Jugendliche zu schreiben.

Unheimlich nah | Doris Bezler | 2017 | cbt Verlag | 382 Seiten | Bei Amazon kaufen


Dieser Roman wurde mir als Rezensionsexemplar im journalistischen Kontext von cbt zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Von Tokyo nach Brüssel: Ein Fotobuch [Review]

Ich bin ein sehr großer Fan von Fotoalben. Diese kleinen, selbstgebastelten Erinnerungsbücher durchzublättern, finde ich immer sehr viel schöner, als Fotos lediglich digital vorliegen zu haben. Und obwohl ich den Prozess des Erstellens und Zusammentragens sehr liebe, fand ich es trotzdem interessant zur Abwechslung einmal ein Fotobuch auszuprobieren. Netterweise habe ich hierfür ein Rezensionsexemplar von Saal Digital zugesendet bekommen, die auf Fotoprodukte – Kalender, Fotobücher, Poster – spezialisiert sind. Das Fotobuch durfte ich selber zusammenstellen und das Format auswählen. Und nein, ihr bekommt jetzt keinen Sponsort Post, der euch sagt, dass ihr nun alle bei Saal eure Fotobücher bestellen sollt, sondern meine ehrliche Meinung. Also lasst uns loslegen!

Das Cover meines quadratischen Fotobuchs.

Für mein Fotobuch habe ich mich für das quadratische Format entschieden. Insgesamt gibt es 12 verschiedene Formate für Fotobücher und Fotohefte aus denen gewählt werden kann. Dabei gilt variiert der Preis je größer die Seiten werden und je mehr Seiten gewählt werden.

Im ersten Schritt können unterschiedliche Einstellungen für das Fotobuch innerhalb der Saal Digital Software vorgenommen werden.

Um das Fotobuch zu erstellen muss eine Software heruntergeladen werden, in welcher die einzelnen Produkte und Formate ausgewählt werden können. Der Preis für Fotobücher liegt dabei zwischen 4,95€ (Fotoheft mit 16 Seiten im Format 10x15cm) und 238€ (Fotobuch 42x28cm, extra dicke 36 Seite). Die Standardgrößen sind dabei mit Preisen von CEWE und ähnlichen Anbietern vergleichbar.

Leider fand ich es gar nicht mal so einfach die Größe, die ich auf der Webseite gesehen habe auch innerhalb der Software wieder zu finden. Auch sind nicht für alle Formate die möglichen Seitenzahlen in der Übersicht angegeben. Im Endeffekt habe ich mich für das Hardcover Fotobuch im Format 19x19cm mit mattem Umschlag und matten 26 Fotoseiten entschieden. Eigentlich hätte ich gerne den hellrosa Leineneinband gehabt, aber der war mir – mit 15€ Aufpreis – doch etwas zu teuer. Auch Extraseiten sorgen schnell dafür, dass das Produkt deutlich teurer wird, denn schon die Version mit 48 Seiten kostet fast 15€ mehr.

Übrigens bietet beispielsweise CEWE den Leineneinband nur für die XXL-Formate an. Die zusätzlichen Seiten kosten ähnlich viel bei anderen Anbietern.

Für das Fotobuch können unterschiedliche Layouts gewählt werden.

Hat man sich erst einmal für ein Format entschiedenen folgt das Layout-Chaos. An dieser Stelle bekommt Saal leider einige Minuspunkte, den intuitiv ist die Software nicht.

Gewählt werden kann entweder eine leere Vorlage, die Möglichkeit Bilder ganzflächig zu platzieren, eine automatische Füllfunktion oder AutoLayout.

Wenn man erst einmal gefunden hat, wo man in der Software Layouts einstellen kann, kann man recht schnell und einfach ein eigenes Fotobuch gestallten.

Zunächst habe ich es mit der leeren Vorlage probiert. Hier hat man zunächst eine leere Seite auf welche man von links Fotos ziehen kann, die man dann frei platziert, oder am rechten Rand Vorlagen auswählt. Die vorgefertigten Layouts haben dabei häufig einen recht schönen Aufbau, bieten jedoch den Nachteil, dass viel Platz durch kleine Illustrationen oder Zitate wegfällt. Wer möchte, kann diese Objekte entfernen und durch Fotos ersetzen, was bedeutet, dass fast jedes Layout noch einmal bearbeitet werden muss.

Die fertigen Vorlagen sind zwar recht hübsch und praktisch, schränken jedoch stark in der Thematik ein. Für den bereich Urlaub gibt es beispielsweise nur ein Bergsteiger- und Taucherthema. Die meisten Fotobücher beziehen sich auf den Bereich Baby. Dir schlichten Vorlagen bieten sehr viel Weißraum und relativ kleine Fotos.

Die Fotos innerhalb des Buches können auf Grund der speziellen Bindung auch über beide Seiten gehen ohne unterbrochen zu werden.

Der Bereich Auto-Layout bietet im Grunde die gleichen Vorlagen. Hier wird zunächst ein Bild von links auf eine freie Seite gezogen. Danach kann rechts ein Seitenlayout gewählt werden. Durch das hinzufügen weiterer Bilder, können weitere Seitenlayouts ausgewählt werden.

Diese Bearbeitung fand ich zwar etwas einfacher als die freien Layouts, jedoch fand ich es immer noch relativ umständlich alle Bilder einzeln platzieren zu müssen. Zudem können die Bilder immer nur feste Größen haben.

Also entschied ich mich für die automatische Befüllung, bei der alle Bilder für das Fotobuch ausgewählt und dann automatisch eingefügt werden. Die einzelnen Bilder können danach noch verschoben und angepasst werden, so dass man relativ einfach das Layout so anpassen kann, wie man es gerne hätte.

Durch die spezielle Bindung der Fotobücher – anders als bei herkömmlichen Büchern, besteht die Möglichkeit Bilder auch über die Buchmitte hinauslaufen zu lassen, was sehr schöne Effekte ergibt.

Insgesamt habe ich mich eher für ein Layout mit drei bis sechs Fotos pro Doppelseite entschieden und recht wenig Weißraum gelassen. Anpassen musste ich dennoch einiges, so dass ich gut über eine Stunde an dem Buch gesessen habe.

Das Fotobuch selber war sehr gut verpackt.

Das fertige Buch wurde nach wenigen Tagen geliefert und war sehr gut verpackt, so dass es vollkommen unbeschadet bei mir ankam.

Die Qualität insgesamt gefällt mir sehr gut. Die matten Fotoseiten fühlen sich sehr glatt an und haben einen leichten Schimmer. Auch mit dem Cover, welches in meinem Fall einmal um den Buchrücken herumläuft, bin ich sehr Zufrieden. Die Fotos wirken insgesamt sehr hochwertig gedruckt und auch die Bindung der Seiten macht einen sehr stabilen Eindruck. Einzig die Begrenzung zwischen der linken und rechten Seite sieht so aus, als könnte sich hier durch häufiges Blättern der Seiten die Farbe etwas lösen. Generell sieht der Effekt der über Seiten hinweg platzierten Bilder jedoch wirklich sehr gut aus.

Was mich etwas verwundert ist die dicke der Seiten, die beim Blättern beinah das Gefühl eines Kinderbuchs erweckt, aber dieses Gefühl habe ich leider bei vielen Fotobüchern.

Insgesamt handelt es sich bei dem Fotobuch von Saal Digital um ein wirklich hochwertiges Produkt, welches sowohl qualitativ, als auch preislich mit Produkten von CEWE und ähnlichen Anbietern mithalten kann. Ich würde mir mehr schlichtere Layouts wünschen, die sich mehr auf die Fotos als auf die Dekoration konzentrieren. Grundsätzlich finde ich das gewählte Format sehr schön, wenn man es irgendwohin mitnehmen möchte.

ABER – und dies liegt nicht an dem Produkt – ich werde weiterhin klassische Fotoalben, bei denen ich selber Fotos einkleben kann, bevorzugen. Ich mag größere Formate lieber und die Möglichkeit unterschiedliche Materialien und Andenken in ein Fotoalbum einzukleben. Auch wenn ein Fotobuch die Möglichkeit bietet das gleiche Fotoalbum gleich für mehrere Personen herzustellen, finde ich selbstgemachte Fotoalben einfach schöner.

Dennoch ist dies ein wirklich schönes Fotobuch und ich bin sehr zufrieden mit dem fertigen Produkt.

Saal Digital Fotobuch | 19x19cm | matter Umschlag | unwattiert | 26 Seiten | 24,95€ + Lieferkosten

Übrigens gibt es momentan (Stand Oktober 2017) eine Aktion auf Saal Digital, bei der ihr bei eurer ersten Fotobuchbestellung 15€ sparrt.


Das oben beschriebene Fotobuch wurde mir von Saal Digital umsonst als Rezensionsexemplar zugeschickt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Sadako: Ein Wunsch aus tausend Kranichen [Buchrezension]

Zehn Jahre sind seit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima vergangen, als bei Sadako, ein zwölfjähriges Mädchen, Leukämie festgestellt wird. Eine direkte Folge der Atombombe. Doch Sadako glaubt daran, dass sie wieder gesund werden kann. Vor allem glaubt sie an die alte Legende, die sagt, dass demjenigen, der tausend Papierkraniche faltet, ein Wunsch von den Göttern erfüllt wird.

Das Kinderbuch Sadako von Johanna Hohnhold und einige der ikonischen Papierkraniche, die wohl für immer mit Sadakos Schicksal verbunden sein werden.

Sadako Sasaki gilt als eines der bekanntesten Hiroshima-Opfer. Ihre Leidensgeschichte inspirierte ihre Klassenkameraden die eine Statur in Gedenken an Sadako zu errichten, aus der die heute bekannte Peace Promotion Division aus Hiroshima hervorgegangen ist. An diese können Schulklassen weltweit Spenden und Kraniche als Zeichen des Friedens schicken.

Die Sadakostatur im Friedenspark von Hiroshima hält einen metallernen Papierkranich in die Luft.

Die Sadako-Statur im Friedenspark im Hiroshima.

Johanna Hohnhold hat in ihrem Buch Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen Sadako zu der Protagonistin ihrer Kindergeschichte gemacht, die kindgerecht berichten soll was in Hiroshima geschehen ist, welche Auswirkungen dies auf die Bevölkerung hatte und wie wichtig Frieden für die komplette Menschheit ist.

Eine wirklich nicht triviale Aufgabe, denn wie erklärt man einem zehnjährigen Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs und Leukämie, ohne dabei zu enzyklopädisch zu wirken? Doch Hohnhold schaft es in ihrer Geschichte nicht nur die japanische Lebensweise der fünfziger Jahre zu beschreiben, sondern gleichsam anhand eines sehr bewegenden Schicksals zu erklären, was in Hiroshima vorgefallen ist.

Hierbei gibt sie nicht einfach Sadakos Lebensgeschichte wieder, sondern macht aus ihr in erster Linie wieder ein Kind, welches unfreiwillig zur Heldin wurde. Dabei orientiert sie sich grob am Leben von Sadako, versucht jedoch eher ein kompletteres bild der japanischen Gesellschaft zu zeigen und zu erklären welchen Herausforderungen sich Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg stellen mussten. Hunger und Geldmangel gehören genauso zu den behandelten Motiven, wie Freundschaft und gemeinsamer Spaß.

Hohnhold geht es dabei weniger darum von oben herab einen Vortrag zu halten, sondern begleitet Sadako und ihre Freunde bei ihren Spielen, dem Versuch einen Staffellauf zu gewinnen und bei Besuchen zum Schrein. Ebenso inszeniert sie Sadakos Diagnose und die damit verbundene Zeit im Krankenhaus, weniger als todernste Geschichte, sondern zeigt Sadako als ein Kind, welches voller Hoffnungen war und nur dadurch zur Inspiration für so viele werden konnte.

Unterstützt wird diese Botschaft durch die wirklich schönen Illustrationen von Gerda Raidt, von der ebenfalls das Buchcover stammt, die vor allem für ihre Fünf Freunde Zeichnungen bekannt ist. Mit feinen Linien ahmt sie beinahe schon einen mangaartigen Still nach, der weder aufgesetzt, noch unpassend wirkt.

Origamikraniche, die von Sadako Sasaki in der Hoffnung gefallten wurden, wieder gesund zu werden.

Einige von Sadakos tausend Origamikranichen werden in Hiroshima im Friedensmuseum ausgestellt.

Alles in allem ist Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen ein wirklich sehr schönes Buch, welches das Schicksal Sadakos sehr passend und kindgerecht beschreibt. Es eignet sich sowohl als Lektüre für Erwachsene als auch für Kinder ab zehn Jahren und wäre sicherlich ein sehr gutes Unterrichtsmaterial um über einen Aspekt des Zweiten Weltkriegs zu sprechen, der häufig im Unterricht zu Kurz kommt: Die Nachkriegszeit, den Frieden und die Auswirkungen des Krieges.

Ein wirklich wundervolles Buch!

Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen | Johanna Hohnhold | Aladin Verlag | 2017 | 144 Seiten | Bei Amazon bestellen

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Die Leichtigkeit: Wie man ein Attentat überlebt [Review]

Mit der Graphic Novel Die Leichtigkeit verarbeitet Catherine Meurisse, eine Überlebende der Charlie Hebdo-Redaktion, das Attentat und stellt die Frage, wie man nach solchen Erlebnissen weiterleben kann.

Die Graphic Novel Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse.

Die autobiografische Graphic Novel beginnt am Tag des Anschlags auf die Charlie Hebdo-Redaktion, dessen Mitglied Catherone Meurisse ist und die nur durch einen Zufall zu spät zu den Redaktionsräumen aufbricht, und begleitet von dort aus die Protagonistin bei dem Versuch wieder ein normales Leben zu führen, indem sie nicht mehr nur eine Überlebende ist, sondern weiter als Illustratorin arbeiten kann.

Dabei setzt Meurisse auf eine Mischung verschiedener Stille. Mal sind ihre Bilder eher schnelle Skizzen, die dem Comicstil von Charlie Hebdo entsprechen, mal sind es detailgetreue Farbwelten, die die Wirklichkeit so nah wie möglich wiedergeben wollen.

Catherine Meurisse verarbeitet in ihren Zeichnungen das Attentat auf die Charlie Hebdo-Redaktion.

In diese Zeichnungen werden immer wieder Zitate aus Romanen hineingegeben, die sich mit dem Prozess des Schaffens, aber auch mit dem Leben auseinandersetzen. Dies unterstreicht auf sehr ergreifende Weise das Hauptthema von Die Leichtigkeit, in der es um das Überleben und vor allem Weiterleben geht. Wie kann man nach einem Attentat einfach weiterleben und weitermachen? Wie soll man jeden tag aufstehen und dort ansetzen, wo man aufgehört hat? Fragen, die Meurisse an friedlichere Orte führen und tief in ihre eigenen Empfindungen.

In Karikaturen setzt sich Catherine Meurisse in Die Leichtigkeit mit dem Attentat auf Charlie Hebdo auseinander.

Die Leichtigkeit ist eine Emotionale Sammlung aus Geschichten, Empfindungen und Fragen. Sie beschreibt weniger mit Worten, sondern mit Gefühlen, wie man sich als Überlebender fühlt und versucht unsere Zeit zu verstehen. Dabei werden epische Proust-Zitate mit großen Bildern verbunden und immer wieder durch fast schon grobe Zeichnungen unterbrochen, die die Zerrissenheit Meurisse unterstreichen.

Dennoch bleibt unter all diesen Ebenen die Frage wie nah ihre Schilderungen wirklich an ihren eigentlichen Emotionen und Handlungen sind und ob diese stilisierte Form überhaupt die Möglichkeit bietet ihre wirklichen Gedanken zu verdeutlichen.

Die Leichtigkeit | Catherine Meurisse | Carlsen Verlag | Graphic Novel | Bei Amazon kaufen