Von Männern, die keine Frauen haben: Eine Erzählungssammlung von Murakami [Buchrezension]

Von Männern, die keine Frauen haben ist Haruki Murakamis neuste Erzählungensammlung. In ihr befinden sich sieben Erzählungen, die – wie der Titel vermuten lässt – sich mit Männern auseinandersetzen, die aus irgendwelchen Gründen keine Frau haben, sie verlieren, nicht gewinnen können oder niemals hatten. Es ist – bis auf wenige Ausnahmen – die unmurakamieske Erzählungssammlung bisher.

Von Männern, die keine Frauen haben fasst sieben Erzählungen und Kurzgeschichten Haruki Murakamis in einem Band zusammen.

Es gibt ein Spiel Namens Murakami-Bingo, bei dem sich wiederholende Motive aus Murakamis Werken abgehackt werden, während man einen seiner Romane liest. Wendet man diese Liste auf Von Männern, die keine Frauen haben, so findet man Mysteriösen Frauen, Etwas, dass verschwindet, das Gefühl verfolgt zu werden (zumindest am Rande), unerwartete Anrufe, Katzen, Alte Jazz Musik, Urbane Erzählungen, sonderbare Teenager, Kochen, mit Katzen sprechen (am Rande), seltsamen Sex, Tokyo bei Nacht, seltsame Namen und verschwundene Katzen. Damit erhält man zur Abwechslung tatsächlich nicht eine komplette Reihe bei Murakami-Bingo, obwohl man ansonsten fast alle Themen in jedem einzelnen Buch abhacken kann. Dass so viele klassische Murakami-Motive fehlen passiert zwar häufiger in seinen Kurzgeschichten, doch dass sie gleich in so vielen Geschichten auf einmal ausbleiben ist äußerst sonderbar. Genauso wie die Tatsache, dass alle Erzählungen unter einem Grundthema zusammengefasst sind: Die fehlenden Frauen. Und dann auch noch meist in der Kombination, dass nicht nur eine Frau fehlt, sondern auch noch einem anderen mann davon erzählt wird.

Aber gehen wir einmal wieder zurück zum Beginn des Buches. Wie bereits erwähnt enthält dieses Werk sieben von Murakamis Erzählungen. Gleich in der ersten geht es um einen Mann, dessen Frau gestorben ist, doch auch vorher hat er eine gewisse Abwesenheit seiner Frau gespürt. All dies wird ihm nach und nach klar, während er mit seiner Chauffeurin über sein Leben redet.

In Yesterday geht es um einen jungen Mann, dessen bester Freund ihm vorschlägt mit seiner Freundin auszugehen, da er sich selbst nicht bereit fühlt eine ernsthafte Beziehung einzugehen und er befürchtet, dass seine Freundin ihn sonst mit einem Fremden betrügen könnte. Die Situation finden zur Abwechslung auch einmal der Protagonist und die betroffene Freundin sonderbar und es kommt nicht zu seltsamen Sexszenen. Dafür jedoch zu dem sehr schönen Dialog, indem der beste Freud erklärt, dass Menschen so wie Bäume nur durch Erfahrungen reifen können und Jahresringe erhalten, doch so sehr der Protagonist über diesen Vergleich nachdenkt, er landet mit seinen Gedanken immer wieder bei Baumkuchen.

Das eigenständige Organ ist eine der traurigsten Geschichten, die ich seit langem gelesen habe. Es erzählt von einem Mann, der an gebrochenem Herzen stirbt und den Umständen die dazu führten. Auch hier erzählt Murakami von bodenständigen Gefühlen, ohne sonderbare Ereignisse, sondern einfach von den einfachsten menschlichen Regungen, die es gibt.

Gefolgt von Scheherazade, einer Geschichte in einer Geschichte und Kinos Bar, in der sich endlich sonderbare Ereignisse überschlagen, Jazzmusik gehört und sich mit Katzen unterhalten wird. Es ist die Geschichte, die dafür sorgt, dass zumindest einige der Motive im Murakami-Bingo abgehackt werden können.

Genauso wie die darauf folgende Geschichte Samsa in Love, in der ein Mann eines Tages erwacht um festzustellen, dass er sich in Gregor Samsa aus Die Verwandlung von Kafka verwandelt hat. Die Geschichte ist äußerst bizarr, stellt jedoch eine sehr schöne Verbindung zu dem Autor dar, der immer wieder als heimliche Inspirationsquelle für Murakami herzuhalten scheint.

Schließlich endet die Sammlung mit der titelgebenden Geschichte Von Männern, die keine Frauen haben, die sich in sonderbaren philosophischen Gedanken und widersprüchlichen Anekdoten verliert.

Ja, ich fand, dass dies nicht Murakamis beste Sammlung war. Der Elefant verschwindet oder Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah sind um Längen besser als seine neuste Sammlung. Dann wiederum handelt es sich um quengeln auf hohem Niveau, denn natürlich liefert Murakami brillant erzählte Geschichte ab, die seine Leser in Stauen versetzen, überraschen und in ihren Bann ziehen. Häufig enden die Geschichten so weit entfernt von ihrem Anfang, dass man sich unweigerlich fragen muss, wie man dort gelandet ist. Gerade Das eigenständige Organ ist eine fantastische Erzählung, die ihres gleichen sucht. Auch Kinos Bar ist eine wirklich sehr gute Erzählung, die zeigt wie fantasievoll Murakami erzählen kann.

Dennoch fehlt mir gerade diese fantasievolle Art in seinen anderen Erzählungen. Sie wiederholen Motive, die wir bisher kennen. Sie erzählen immer wieder die Geschichte des Mannes, der die Frau seiner Träume nicht haben konnte, sie unter den falschen Umstanden verloren hat oder der erst, als er bei einer anderen war, feststellt, was ihm eigentlich fehlt. Es sind nicht die feinen Denker, die uns sonst begegnen, sondern Männer der Tat, die von großen Eroberungen prallen oder in ihren Tag hineinleben.

Beinahe wirken die Geschichten, als hätte Murakami Zeitdruck gehabt und musste schnell sieben Geschichten zusammenschreiben. Leider erhärtet sich dieser Eindruck bei mir je mehr neuere Werke ich von ihm lese. Sie experimentieren weniger, sie sind weniger ausgeklügelt und sie zeigen uns weniger emotionalen Tiefgang, als wir es nach Werke wie Naokos Lächeln gewohnt sind. Sind die Geschichten zugänglicher? Ja, dass alle mal. Aber ist es das, was man erwartet, wenn man ein Werk von Murakami in die Hand nimmt? Ich glaube nicht. Ich möchte mehr Fische, die vom Himmel regnen, während alte Jazzplatten laufen. Sex, der Menschen zur völligen Selbstaufgabe bewegt. Ich möchte Emotionen, die über den Tod hinaus eine Seele an diese Welt binden und Welten, die nur Murakami sich erdenken kann und die gleichzeitig dem existierenden Tokyo so seltsam ähneln.

Sollte man Von Männern, die keine Frauen haben als Murakami-Fan lesen? Ja, unbedingt, denn es sind wieder einmal sehr gut erzählte Geschichten. Sollte man dieses Buch lesen, wenn man nichts mit Murakami am Hut hat? Ja, es wird selten einen einfacheren Einstieg in sein Werk geben. Dennoch sollte man im Hinterkopf haben, dass diese Werke, sollten dies die ersten Texte sein, die man von Haruki Murakami liest, weit von de entfernt sind, was er sonst im Stande ist zu leisten.

Von Männern, die keine Frauen haben | 2016 | 254 Seiten | btb Verlag | Bei Amazon kaufen


Dieses Buch wurde mir von btb zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

Ein Gedanke zu “Von Männern, die keine Frauen haben: Eine Erzählungssammlung von Murakami [Buchrezension]

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