Das Echolot: Ein kollektives Tagebuch [Buchrezension]

Das Echolot von Walter Kempowski ist vermutlich eine der beeindruckendsten historisch-kulturwissenschaftlichen Sammlungen, die ich jemals gesehen habe. In diesem vier Bände und 3056 Seiten umspannenden Werk, fasst Kempowski Tagebucheinträge, Berichte, Meldungen und Fotos aus Januar und Februar 1943 zusammen. Hierbei ist es egal ob eine Erinnerung von einer bedeutenden oder unbedeutenden Person stammt. Es geht viel mehr darum Stimmen aus aller Welt zu sammeln um zu zeigen wie Menschen auf der ganzen Welt den Zweiten Weltkrieg, die Schlacht von Stalingrad und die Aktionen der Weißen Rose erlebt haben.

Das Echolot: ein kollektives Tagebuch von Walter Kempowski über Januar und Februar des Jahres 1943

Die Originalausgabe des Echolot wurde bereits 1993 veröffentlicht und stellt nur einen Teil des insgesamt zehn Bände umfassenden Werkes dar. Hierin befasst sich Kempowski ebenfalls mit den Jahren 1941 und 1945. In der Neuauflage, die 2016 im Penguin Verlag erschienen ist, finden sich nun die vier Bände des Jahres 1943 in einer Taschnbuchausgabe passend zu jenen, die bereits bei btb erschienen sind.

Wie auch in der Originalausgabe handelt es sich um eine Sammlung von Notizen, Meldungen und Tagebucheinträgen, die unkommentiert bleiben. Sie wurden lediglich zum besseren Verständnis allesamt in eine Sprache übersetzt. Und dies ist auch einer der Gedanken hinter Kempowskis Projekt: Verständnis. Es ging ihm nicht nur darum zu bewahren wie Menschen den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, sondern darum zu zeigen, dass Menschen auf der ganzen Welt den Krieg in ähnlicher Art und Weise erlebt haben. Er selbst schreibt dazu in der Einleitung des Echolots:

„An einem Winterabend des Jahres 1950 wurde ich in Bautzen über den Gefängnishof geführt, und da hörte ich ein eigenartiges Summen, Der Polizist sagte: ‚Das sind Ihre Kameraden in den Zellen, die erzählen was.‘ Ich begriff in diesem Augenblick, daß [!sic] aus dem Gefängnis nun schon seit Jahren ein babylonischer Chorus ausgesendet wurde, ohne daß [!sic] ihn jemand wahrgenommen […] hätte […]. […] Die Stimmen der Häftlinge in Bautzen können wir nicht zurückholen, sie sind verweht, und die Toten behalten ihre letzten Erfahrungen für sich, aber ihre überall deponierten Mitteilungen können wir aufnehmen und entschlüsseln, darauf dürfen wir nicht verzichten.“

Dieser „babylonische Chorus“ ist es, den er entschlüsseln möchte. Wie haben Menschen über den Krieg geschrieben? Was haben sie in ihrer Sprache über ihn gesagt, während sie überall auf der Welt warteten, dass er vorbeigehen würde oder an der Front kämpften?

Gleichzeitig möchte er, wie wir in der Einleitung erfahren, ein Bild festhalten. Einen Moment, der vorbeigeht ohne, dass wir ihn je zurückholen können. In Jahren werden alle, die sich an den Zweiten Weltkrieg erinnern können, gestorben sein. Historiker werden dann rätseln können, wie es war in jener Zeit zu leben. Wie es sich angefühlt haben muss Flyer der Weißen Rose zu finden oder einen ganz normalem Alltag nachzugehen, während die Welt um einen herum auseinander fiel. Trotz allem wurden in jener Zeit Kinder geboren, Paare heirateten und Freunde verabredeten sich.

Die Einträge zeigen uns fast schon ein sonderbares Bild der Vergangenheit. So wird in Band 1 über zwei Seiten hinweg das Programm der Hamburger Oper zusammengefasst. Frei nach dem Motto The show must go on, während noch einen Eintrag zuvor ein Wärter eines Straflagers aus Norwegen über Massengräber und Tod berichtet. Es ist ein unangenehmes Bild der Vergangenheit, welches wir nicht erwarten. Doch natürlich gingen in jenen Tagen, in denen viele sich mit Tod, Verfolgung und Grausamkeit auseinander setzen mussten, noch viele ihrem normalem Alltag nach. Einem Alltag, der hinter allen historischen Ereignissen in Vergessenheit gerät, weil er für uns im Vergleich zur „Geschichte“ unwichtig erscheint. Und dennoch sagen uns diese kleinen Einträge des Alltags viel mehr über jene Zeit, als die Steifen Tagebucheinträge großer Persönlichkeiten, die schrieben, weil sie wussten, dass jemand ihre Texte vermutlich lesen würde.

Das Echolot: Unkommentierte Tagebuchsammlung. Segen oder Fluch?

Es sind die Stimmen, die niemals in einer Dokumentation zu hören wären, weil sie zu bedeutungslose Worte von sich geben, die diese Sammlung erst richtig spannend macht. Gleichzeitig ist genau diese Detailversessenheit das, was Das Echolot zu einem solch anstrengenden Werk macht. Es braucht gut 70 Seiten, bis Tag eins abgehandelt ist, an dem weit weniger passiert ist, als man es vielleicht von dem Start eines neuen Jahres erwarten würde. Immer wieder wird man mit zusammenhanglosen Auflistungen von Einkaufslisten, Spielplänen und ähnlichem konfrontiert.

Zwar sind dies Details des täglichen Lebens, doch beginnt man sich zu fragen ob jemand, der nicht in jener Zeit gelebt hat, nicht häufiger mit einer kommentierten Fassung mehr anfangen könnte. Kleine Zusammenfassungen am Beginn eines jeden Tages, die beschreiben welche Ereignisse an diesem Tag stattfanden, würden dem Leser Orientierung geben. Es würde dazu betragen, dass aus einer Blättersammlung ein Text entsteht, der zur Einordnung von Ereignissen beiträgt. So bleibt es dem Leser überlassen sich selbst zu informieren was an jenen Tagen geschehen ist und wer die Personen sind, die hier Tagebuch führen. Denn auch wenn Namen wie Thomas Mann oder Joseph Goebbels natürlich zugeordnet werden können, so ist vielleicht nicht unbedingt jedem Leser der Name Willi Graf ein Begriff.

Bei der Arbeit, die in dieses Projekt ohnehin geflossen sein muss – Kempowski hat Jahrzehnte mit der Sammlung von Quellen zugebracht – fragt man sich, weshalb er nicht sein Wissen an Leser weitergeben hat. Ist es nicht die Aufgabe eines Historikers dafür zu sorgen, dass historische Quellen zugänglich und verständlich gemacht werden?

Vermutlich entsteht dieser Eindruck nur, wenn man die Texte versucht aus einer Laienperspektive zu betrachten. Walter Kempowski hat Das Echolot nicht einfach zusammengetragen um Menschen einen einfacheren Zugang zur Vergangenheit zu geben. Er will die Einträge nicht durch eigenen Interpretationen verfälschen. Sie sollen für sich stehen und so gehört das Spielprogramm der Oper eben genauso zu einem vollständigen Bild, wie der Tagebucheintrages eine Willi Graf, der über alltägliche Gespräche schreibt, bevor sie zu einem historischen Ereignis werden.

In der Wissenschaft gibt es kein gut oder schlecht

Ein Werk wie Das Echolot lässt sich nicht so einfach bewerten wie einen Roman. Es gibt kein gut oder schlecht geschrieben. Man kann über das Layout diskutieren, aber auch dies nur bis zu einem bestimmten Grad. Die Gestaltung nimmt sich so weit wie möglich zurück um dem Inhalt Platz zu geben. Genau dies ist es, was man von einem solchen Werk erwartet. Es soll nicht künstlerisch wirken, sondern einem dokumentarischem Zweck dienen.

Wie im oberen Teil bereits ausgeführt gibt es viele Argumente, die für und gegen eine kommentierte Ausgabe sprechen. Ich finde es in der Tat Schade, dass ein Werk, welches bei einem nicht-wissenschaftlichen Verlag erschienen ist, keine weitere Kommentierung nach dem Tod des Autors – Kempowski starb 2007 – vorgenommen hat. Dann wiederum wäre es natürlich diese Veränderung, die seiner Intention zuwiderhandeln würde.

Walter Kempowskis Das Echolot muss also vielmehr wie ein eigenständiges Kunstprojekt behandelt werden. Und somit wird es für jeden Betrachter zu dem, was er selbst daraus machen möchte. Es wird zu einer Sammlung, die Raum für Interpretationen lässt und deren Kernzielgruppe ohnehin Geisteswissenschaftler sein dürfte, die sich mit der Materie befassen.

Das Echolot | Penguin Verlag | 3056 Seiten | 2016 | Bei Amazon kaufen


Dieses Buch wurde mir vom Penguin Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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