Nest: Ein Kinderbuch für Erwachsene [Buchrezension]

Selten hat mich ein Buch so sehr emotional berührt wie Esther Ehrlichs Nest. In ihrem Erstlingswerk entführt sie uns in das Cap Code der 1970er Jahre. Dort wo alle anderen Familien während des Urlaubs hinfahren lebt die elfjährige Naomi mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern – einem Psychologen und einer ausgebildeten Tänzerin. Doch das friedliche Leben in der Nähe der Dünen wird sich bald für immer ändern, denn Naomis Mutter leidet unter Multipler Sklerose, eine Krankheit, die für die Tänzerin nicht nur das Ende ihrer Karriere bedeutet, sondern vor allem das Ende eines Traums. Durch den Schock der Diagnose fällt sie in eine tiefe Depression.

Ein Zustand den Naomi mit ihren elf Jahren nicht nachvollziehen oder verstehen kann. Sie weiß nicht, was dieses MS ist über das die Erwachsenen die ganze Zeit sprechen und sie versteht nicht, warum ihre Mutter nicht mehr vom Sofa aufstehen möchte. Auch ihre Schwester verhält sich plötzlich merkwürdig und geht Naomi aus dem Weg. Und somit versucht sich die fantasievolle Protagonistin selber zu erklären, was gerade passiert. Doch wie kann man all die seltsamen Ereignisse erklären und warum soll ihre Mutter plötzlich in ein Krankenhaus gebracht werden, welches ihre Schwester schnippisch als Klapsmühle bezeichnet?

Nest, ein emotionales Kinderbuch von Esther Ehrlich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Kinderbücher sind nicht immer nur für Kinder

Obwohl dieses Buch aus dem Aladin-Verlag sich durch seine Verlagspositionierung an Kinder richten müsste, ist dieses Buch auch für Erwachsene geeignet. Auf der einen Seite ist die Protagonistin sehr jung, so dass sie Kindern die Möglichkeit gibt sich mit ihr zu identifizieren und zu versuchen nachzuvollziehen was in Naomis Leben passiert. Auf dieser Ebene versucht das Buch seinen jungen Lesern vor Augen zu führen was eine solche Krankheit für Auswirkungen auf eine Familie haben kann, und dies in kindgerechten Bildern.

Auf der anderen Seite könne Erwachsene viel besser die Situation durchschauen und verstehen. Man benötigt keine Erklärung dazu was Multiple Sklerose ist oder was für Auswirkungen eine Depression haben kann. Man durchschaut die Situation auf einer Metaebene und kann gleichzeitig bewundern wie stark Naomi für ihre elf Jahre ist.

Diese Komplexität hätte ich niemals von einem Kinderbuch erwartet. Das Thema ist sehr anspruchsvoll, wird jedoch mit sehr viel Feingefühl behandelt. Diese Qualität ist wirklich beeindruckend und lässt mich darauf hoffen bald mehr von Ehrlich zu lesen. Auch wenn ich mich während des Lesens immer wieder gefragt habe wie gut Kinder wirklich mit diesem Lesestoff zurechtkommen würden. Dies scheint auch der Verlag zu vermuten, der das Buch für Kinder zwischen 12 und 15 Jahren empfiehlt.

»Ich glaube, Mom hätte es bestimmt gern, wenn wir ihr zujubeln. Meinst du nicht, Rach?«, fragte ich. […] Rachel schüttelte den Kopf, schaute mich aber nicht an, als hätte ich irgendwas Falsches getan.
»Los, Mom, los«, flüsterte ich und sprang mit überkreuzten Beinen in die Luft wie ein Cheerleader.
»Hör auf, Chirp«, sagte Rachel. »Du benimmst dich wie ein Kleinkind. Dad weiß viel besser, was Mom will, als du.« Dann verschränkte sie die Arme und schaute aufs Wasser hinaus, als wäre sie tief in Gedanken versunken. Ich stierte sie an, um sie dazu zu bringen, mich doch noch anzuschauen.

Vorsichtige Wortwahl und ein Funken der Hoffnung

Wie sich aus der Handlung bereits erschließen lässt, handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine der Geschichten, die man unbedingt mit Vergnügen liest. In ihrer sehr behutsamen Art erzählt Ehrlich in Nest eine Geschichte, die von Anfang an klar macht, dass die Familie keine großen Chancen hat zu einer gewissen Normalität zurückzukehren. Und so sehr sich die kleine Protagonistin auch bemüht mit der Situation klarzukommen, so ist ihr Kampf aussichtslos. Jede Bemühung wird direkt durch einen weiteren Rückschritt niedergeschmettert.

Und dennoch schafft es Ehrlich mit dem kleinen Funken der Hoffnung, mit der sie ihre Geschichte immer wieder anreichert, dafür zu sorgen, dass man weiterlesen möchte. Dass man erfahren will, wie die Geschichte um Naomi ausgeht und sie durch das schwere Jahr in ihrem Leben begleitet. Auch der Junge von nebenan, der immer im richtigen Moment für Naomi da zu sein scheint, hilft diese Geschichte weiterzuentwickeln.

All diese Elemente sorgen schlussendlich dafür, dass dies eine der berührensten Geschichten ist, die ich seit langem lesen durfte.

Nest | Esther Ehrlich | 320 Seiten | Aladin Verlag | Bei Amazon kaufen


Dieses Buch wurde mir vom Aladin Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

3 Gedanken zu “Nest: Ein Kinderbuch für Erwachsene [Buchrezension]

  1. Ich liebe Kinderbücher. Auch Nest habe ich mir soeben auf meine Wunschliste geschrieben. Mein Lieblingskinderbuch ist „Ente, Tod und Tulpe“. Das kann ich dir sehr ans Herz legen :)

    • Es ist auch viel beeindruckender philosophische Themen so weit zu komprimieren, dass es nur noch um Emotionen und Grundlagen geht und dadurch eine Frage zu beantworten oder eine menschliche Grundlage zu definieren als mit großen Worten um sich zu werfen. Es ist auch immer wieder beeindruckend wie beispielsweise die Mumin-Reihe mit Trennung, Abschied oder dem Weltuntergang umgeht.
      Toll, jetzt hab ich noch ein neues Buch auf meiner Leseliste xD“

  2. Pingback: Lesechallenge 2016: 45 Bücher in 12 Monaten [SaSo] | Chochi in Wonderland

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