„Haben Sie Young Adult-Bücher?“ – „Young-Was?“

Die Unterscheidung zwischen Jugendbuch und Young Adult oder auch YA wird in Deutschland noch gar nicht so lange getroffen, was die Schwierigkeit vieler Buchhändler erklärt die Bücher irgendwie sinnvoll einzuordnen. Aber warum ist die Einordnung so schwierig und was sind überhaupt Unterschiede zwischen den beiden Genres?

Young Adult Bücher

Young Adult vs. Jugendbuch: Eine Sprachliche und historische Annäherung

Betrachtet man die beiden Begriffe rein sprachlich, so stehen beide für junge Literatur, die sich vor allem an Jugendliche richtet. Während es im Englischen nur einen Begriff für diesen Bereich gibt – eben Young Adult – und dieser von den Kategorien Childrens Book und New Adult – worauf ich später kurz zu sprechen kommen werde – eingerahmt wird, trift das Deutsche Verlagswesen mittlerweile eine deutliche Unterscheidung zwischen dem klassischen Jugendbuch, welches sich an 12-18 Jährige Leser richtet, und den Romanen, die sich an Young Adults, also junge Erwachsene richten.

Doch warum ist es überhaupt notwendig eine Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien im Deutschen aufzubauen, wenn sie in der Englischen Variante eben sowieso einer Kategorie entsprechen? Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, muss man sich die historische Entwicklung des Jugendbuches angucken. Während es schon früh Romane gab, die sich an Junge Erwachsene richteten, gab es dennoch lange Zeit keine klare Unterscheidung zwischen Romanen für Jugendliche und Erwachsenen und erst viel viel später überhaupt die Überlegung, dass es zwischen diesen beiden Gruppen eine weitere Leserschaft geben könnte, die irgendwie zwischen ihnen steht.

Laut einem Artikel der American Library Association gibt es den Begriff der Young Adult-Literatur seit den 1960er Jahren. Damals entstehen viele Romane, die sich explizit mit Themen rund um Probleme und Fragen von Jugendlichen beschäftigen. Die Leserschaft ist etwa 12-18 Jahre alt, die Autoren deutlich, deutlich älter. Angesprochen werden Themen wie Freundschaft, Gefühlsleben, Familienprobleme und Ähnliches.

Mit seiner Tiefe grenzt sich das Genre deutlich vom Kinderbuch ab, bleibt jedoch thematisch weit von denen der gewöhnlichen Romane entfernt, in denen es um Erwachsene und ihre Probleme geht. Die Protagonisten sind selber genauso jung wie die Leser und damit weit entfernt davon eine eigenen Scheidung durchzumachen oder über einen Jobwechsel nachzudenken.

Als ein Vorreiter dieser Bewegung kann zum Beispiel Der Fänger im Roggen genannt werden, auch wenn er natürlich bereits in den 1950er-Jahren und somit vor der Entstehung des Genrebegriffs entstanden ist. Geht man weiter zurück, zu den Anfängen der Romanbewegung, wird man immer wieder feststellen, dass hier Romane entstanden sind, die sich an ein eher jüngeres Publikum richten, ohne, dass diese zu einem konkreten Genres zusammengefasst wurden. Die Leides des jungen Werthers oder vielleicht sogar die Werke Jane Austens richten sich beide an sehr junge Menschen. So wundert es kaum, dass es bereits im Jahre 1802 eine Definition von Sarah Trimmer gab, die junge Erwachsene im Alter von 14-21 als eine potenzielle Leserschaft zusammenfasste.

Das Überraschende an dieser Definition: Sie fast junge Erwachsene wortwörtlich als junge Erwachsene zusammen, also Menschen die dabei sind Erwachsen zu werden oder diesen Zustand soeben erreicht haben. Ganz anders als die Beschreibung aus den 1960er-Jahren, die vom Verlagswesen festgelegt wurde, und bei der es sich ausschließlich um Jugendliche oder teenager handelt, die schon bei zwölfjährigen beginnt, aber spätestens mit dem Alter von 18 aufhört. Die Idee der Verlage dahinter: Kinder in diesem Zeitabschnitt teilen die meisten Interessen. Leser die älter sind wenden sich eher den Romanen für Erwachsene zu.

Und diese Definition hatte lange Bestand, auch weil Verlage viele Romanvorschläge ablehnten, die sich an ein Zielpublikum richtete, welches vielleicht eher in einer Übergangsphase zwischen Kind und Erwachsenem steckt. Doch wie so viele Umbrüche, begann auch in der Literatur ein Wandel in den 1990er Jahren. In Umfragen stellte man fest, dass auch Menschen bis mindestens 25 noch Jugendbücher lasen und sich als young adults definierten. Schließlich befassten sie sich häufig noch stark mit Themen, die dem des High School Lebens mehr ähnelten, als denen der eigentlichen Erwachsenen. Für sie ging es mehr um die erste Liebe, als um Hochzeit, Ehe und Scheidung.

Genreumdenken durch Kinohits und Selfpublisher

Zögerlich begannen erste Verlage also nun auch Geschichten ins Programm zu nehmen, die sich vielleicht eher an 18-21 Jährige Leser richteten oder in denen düstere Themen behandelt wurden. 1997 veröffentlichte der am Rande der Existenz stehende Verlag Bloomsbury in sehr kleiner Auflage ein Jugendbuch, welches den Markt vollkommen umkrempeln sollte. Der zunächst auf England beschränkte Erfolg von J.K. Rowlings Romanreihe Harry Potter breitete sich bald auf der ganzen Welt aus und wurde durch die Kinofilme weiter verstärkt. Was dieser Roman deutlich zeigte: Jugendbücher werden in einem weitaus größerem Rahmen von Menschen über 25 konsumiert, als es Verlage jemals gedacht hätten. Bald wurde dies auch durch neuerliche Studien immer wieder bestätigt, die sogar darauf hinwiesen, dass Leser die über 50 waren noch young adult-Bücher konsumierten.

Ein Fakt, den viele Verlage nicht wirklich erklären konnten und der vor allem nicht in das feste Schubladendenken ihrer Programme passte. Noch weniger schienen die Buchhändler mit den nun entstehenden Publikationen anfangen zu können, die nicht wirklich in das Kinderbuchregal, aber eben auch nicht in die Abteilung für Erwachsene Literatur passte. Und so wurden die Bücher entweder gar nicht ins Sortiment aufgenommen oder auf irgendeinem Tisch mit anderen uneinordbaren Büchern zusammengefasst.

Doch mit dem Beginn der 2000er-Jahre waren Leser nicht mehr darauf angewiesen ein Buch im lokalen Buchhandel finden zu müssen. Das 1994 gegründete Internetunternehmen Amazon begann 1995 Bücher über das Internet zu verkaufen. Ab 1998 konnten auch in Deutschland erste Bücher über die Seite bestellt werden. Bald schon kauften immer mehr Menschen ihre Bücher online und nicht nur das: Mit dem Kindle konnte man ab 2007 nun sogar sehr einfach Bücher als E-Book lesen.

Dabei waren es vor allem die Selfpublisher, die das E-Book schnell für sich entdeckten. Über ePubli können hierzulande beispielsweise Bücher seit 2008 veröffentlicht werden. Das veröffentlichen von eigenen Büchern bot damals wie heute Autoren die Chance Bücher zu veröffentlichen, die von Verlagen bis dato nicht etwa wegen mangelnder Qualität, sondern auf Grund von mangelnder Einordbarkeit abgelehnt worden waren. Ein Schicksal, welches 1997 beinahe dazu geführt hätte, dass Harry Potter nicht veröffentlicht worden wäre.

Mittlerweile bekannte und von Verlagen unter Vertrag genommene YA-Autoren wie K.A. Tucker oder Amanda Hocking haben beide als Selfpublisher angefangen. Erst als ihre Bücher sich sehr gut verkauften – Hocking verkaufte beispielsweise Bücher im Wert von über 2 Millionen Dollar – wurden Verlage auf sie aufmerksam. Die Tatsache, dass sich Bücher verkauften, von denen Verlage jahrelang gesagt hatten, dass es für sie einfach keinen Markt gebe, sorgten für ein massives Umdenken im Verlagswesen.

Auch Kinoerfolge wie Twilight oder die Hunger Games-Serie zeigten noch einmal deutlich, dass der Bereich der Young Adult-Literatur Anhänger aus allen Altersgruppen begeistern kann, dadurch aber auch Themen ansprechen kann, die bis dahin nicht zu dem Genre zu passen schienen.

Auch der Bereich der New Adult-Texte wurde in diesem Zusammenhang deutlich erweitert. Er richtet sich eher an Leser, die etwa mindestens Anfang oder Mitte 20 sind und thematisiert stärker Themen wie Sex, Unileben oder den ersten Job. Der Roman 50 Shades of Grey, der ebenfalls ein erfolgreiches Beispiel für Selfpublishing ist, kann diesem Genre zugeordnet werden, da es die 21-Jährige Protagonistin auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden begleitet.

Und wo finde ich Young Adult-Bücher jetzt in der Buchhandlung?

Heute zeigt sich deutlich, dass YA deutlich von Lesern aller Altersgruppen gefordert wird. Laut einer Statistaauswertung hat sich der Anteil an Verkauften Kinder- und Jugendbüchern am Gesamtbüchermarkt von 2004 bis 2015 von 13% auf 18% erhöht. Natürlich umfast dieser Bereich sehr viel mehr als nur die Young Adult-Bücher, doch kann man den Anstieg der Verkaufszahlen durchaus mit dem Erfolg der YA-Bücher in Verbindung bringen. 2011 gab es zum Beispiel einen rasanten Anstieg. Zu diesem Zeitpunkt wurde der letzte Band der Hunger Games-Trilogie in Deutschland veröffentlicht und auch der letzte Twilight-Film lief gerade im Kino. Auch die Maze Runner-Reihe wurde ab diesem Jahr in Deutschland veröffentlicht.

Auch auf der LitBlog Convention – einer Veranstaltung für Buchblogger, die unter anderem von Dumont, Egmont und Bastei Lübbe veranstaltet wurde – wurde das Thema heftig diskutiert. In dem Workshop „A difference a word makes“ ging es vor allem um den Unterschied zwischen Young Adult– und New Adult-Texten aber auch darum, wie LYX beschlossen hat das Angebot der gewöhnlichen Jugendbücher (12-18 Jahre) um den Bereich YA (14-21 Jahre – wir erinnern uns, dass war bereits die Definition von Trimmer aus dem Jahre 1802) zu erweitern. Auch hier hieß es lange, dass es für die Bücher einfach keine Leserschaft geben würde. Außerdem passten viele der Themen – Sex und Gewalt – nicht in das Bild, welches man von jugendlichen Lesern hatte. Schließlich sollten diese vor Gewaltszenen beschützt werden. Spätestens mit den Hunger Games sollte diese Definition wohl aber der Vergangenheit angehören.

das Verlage wie LYX nun anfangen ihr Angebot zu erweitern stellt die Buchhändler gerade vor ein ernstes Problem, denn wo sollen die Bücher eingeordnet werden? Wie schon bei der ersten ‚Revolution‘ der YA-Literatur in den 1990er-Jahren, gibt es auch heute keinen Wirklich Ort für diese Literatur. In die Kinderabteilung passen sie nicht wirklich und auch nicht zu den Erwachsenen Regalen. Oft werden sie daher also nach Lust und Laune nach Handlungsgenre oder eventuell doch nach Alter der Protagonisten einem Regal zugeordnet. Das Suchen nach einem Roman aus dem YA-Bereich gleicht daher in vielen Buchhandlungen eher einer Schnitzeljagd. Bis es endlich ein eigenes Regal für Young Adult-Bücher gibt, werde ich weiterhin orientierungslos herumirren, nur um dann festzustellen, dass es keinen der Romane auf meiner Leseliste gibt, da die Buchhandlung keinen der Titel bestellt hat, denn es gibt in vielen Köpfen der Buchhändler immer noch keinen Platz oder eine Leserschaft für die sonderbare Zielgruppe der jungen Erwachsenen.

Lest ihr YA-Literatur? Kauft ihr sie online oder in einer Buchhandlung?

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